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Rückblick: Hohhot.

Juni. Es ist 37 Grad in Beijing und selbst im klimatisierten Innern des Internationalen Flughafens schleppen sich die Passagiere nur sehr langsam durch den Transitbereich. Am Tisch neben mir schläft ein Geschäftsreisender tief und fest auf seinem Laptop, obwohl nur ein paar Zentimeter von seinem Kopf entfernt ein MAAN-Coffeeshop-Teddy-Bär verzweifelt blinkt und surrt: Der Herr ist offenbar eingeschlafen, bevor er seinen Iced Matcha Latte an der Theke abgeholt hat.

Ich würde es ihm gerne gleichtun, der Nachtflug steckt mir noch ganz schön in den Knochen. Außerdem beschleicht mich das Gefühl, dass ich doch eigentlich gerade erst hier war, auf genau diesem Flughafen. Da war es mitten in der Nacht und ich in die umgekehrte Richtung unterwegs, von Taiwan über Beijing nach Frankfurt.

Nun bin ich schon wieder zurück und warte auf meinen Anschlussflug nach Hohhot (oder: 呼和浩特) in der Inneren Mongolei. Eine Gruppe Bosch-Lektoren veranstaltet dort das Finale eines Vorlese-Wettbewerbs für chinesische Deutsch-Studenten – und ich soll vor diesem Finale einen Workshop geben, eine „Schreibwerkstatt“.

Wann kommt man schon mal in die Innere Mongolei, dachte ich mir, also bin ich kurzerhand wieder in den Flieger gestiegen.

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Willkommen in Hohhot.

Die übliche Wartezeit auf dem Rollfeld, einen kurzen Inlandflug und eine sehr rasante Taxifahrt später bin ich dann im Hotel angekommen. Ich kann vor Müdigkeit kaum noch stehen, bin aber froh, endlich wieder in China zu sein – jetzt plötzlich kommen mir die drei Wochen Abwesenheit doch sehr lange vor.

Es riecht ein wenig nach Zigaretten, die Türen zu den Nachbarzimmern stehen alle auf, wo Herren in halb aufgeknöpften Anzügen zu zweit auf ihren Doppelbetten sitzen und lautstark mit den Kollegen im Nebenraum kommunizieren. Das Freizeit- und Service-Angebot des Hotels scheint fast ausschließlich auf eben diese Geschäftsmänner ausgelegt zu sein: Selbst der Bekleidungsladen im Erdgeschoss ist ein reiner Herren-Ausstatter.

Mein Zimmer, nur von mir alleine bewohnt, hat die Größe eines Eispalastes – und auch die entsprechende Temperatur. Zeit, sich mit der Klimaanlage zu beschäftigen, bleibt aber nicht, es geht gleich weiter zum Eröffnungsbankett.

Und als wenig später schiere Unmengen chinesischer Speisen vor mir stehen, kommen mir meine drei Wochen Abwesenheit gleich noch mal viel länger vor. Endlich wieder richtiges Essen!

Zwischen den vielen Gerichten habe ich Gelegenheit, die vier beteiligten Bosch-Lektoren und ihre beim Abendessen noch etwas schüchtern wirkenden Studenten aus Dalian, Mianyang, Nanjing und Hohhot kennenzulernen, mich auf unzähligen Selfies mit dem Servicepersonal zu verewigen und im Halbschlaf ein radebrechendes Gespräch mit der Dekanin der Fremdsprachen-Fakultät zu führen, an dessen Inhalt ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnere. Mein Chinesisch reicht aber nicht aus, um weltbewegende Gedanken zu äußern, also vermute ich mal, es ging um meine Anreise und das fantastische Essen.

Etwas später stehen wir an einer großen Kreuzung, deren Asphaltbelag komplett entfernt wurde (und mit ihm die gesamten Straßenmarkierungen, was eine Steilvorlage für jeden chinesischen PKW-Besitzer ist), es ist stockdunkel, der Baubetrieb trotz später Stunde in vollem Gange, und ich sehe vor allem eines: Staub.

Als wenige Sekunden später dann der Wecker klingelt (offenbar bin ich ich zwischenzeitlich ins Hotel zurückgekehrt, habe dort einen Schlafanzug angezogen, eben diesen Wecker gestellt und vielleicht sogar ein paar Minuten geschlafen), glaube ich noch immer, mich in der Stadt des Staubes zu befinden. Aber dieser Eindruck trügt, dazu muss man nur aus dem Fenster schauen. Bei Tage stellt sich der Wüsteneindruck nicht mehr her, und die Stadt ist einfach das, was chinesische Städte so gerne sind: Eine einzige Baustelle.

Für den Bau-Boom gibt es hier aber noch einen zusätzlichen Grund, denn das Jubiläum der Stadtgründung rückt näher. Und zu diesem Zweck wird eben Hausputz gemacht.

Eine solche Form von Hausputz ist in China leider oft mit dem Abriss von älteren Gebäuden verbunden, hier in Hohhot aber vor allem mit dem in bemerkenswerter Sturheit durchgesetzten Beschluss, möglichst viele neue Bäume zu pflanzen. Größere Bäume lassen sich zwar nicht so wahnsinnig gerne verpflanzen, schon gar nicht in einen so trockenen Boden hinein – aber davon lassen sich die chinesischen Städtebauer nicht abschrecken. Jeder größere Baum bekommt einfach eine Art hölzerner Laufstall verpasst. Daran kann er sich festhalten, bis er irgendwann dann vielleicht Wurzeln schlägt. Oder auch nicht. Hauptsache, er steht am Tag des Jubiläums noch und hat dabei ein paar grüne Blätter.

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Inner Mongolia-Architektur.

Der Workshop und der Vorlese-Wettbewerb, bei dem ich der Jury vorsitze, machen mir großen Spaß, wie mir Unterrichten in China eigentlich immer Spaß macht. Die Studenten tauen schnell auf und lassen sich auf alles ein, auch auf die eher praktischen und physischen Übungen, die ihnen zunächst wohl bisschen fremd sind. „Wie, wir sollen Theater spielen?!?“ „Aber sicher doch. Tische weg, Notizhefte weg, Ärmel hochgekrempelt.“

Am Ende des Wochenendes sind alle zufrieden, die Studenten aber auch ganz schön erledigt: So viele neue Menschen, so viele Programmpunkte und Herausforderungen (ich persönlich hätte mich nicht getraut, in einem Vorlesewettbewerb einen Text von Nietzsche zu lesen, also Hut ab), so viele neue Ideen und Denkanstösse. Und manche von ihnen haben noch 24 Stunden Zugfahrt vor sich, bevor sie wieder an der heimatlichen Universität in Sichuan ankommen.

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Abreisetag für die Studenten.

Ich bleibe noch ein paar Tage länger und ziehe deshalb in eine Wohnung auf dem Innenstadt-Campus um, die mir netterweise zur Verfügung gestellt wird. Das ist praktisch, denn Hohhot ist nicht nur eine Stadt der Baustellen und neu gepflanzten Bäume, sondern vor allem auch eine Stadt der großen Entfernungen. Von einem Campus zum anderen ist man schon mal eine Stunde im Taxi unterwegs, eine U-Bahn gibt es bisher nur im Innenstadtkern. Und die Straßen und Plätze sind riesig, die Monumente haben manchmal schon gigantomanische Ausmaße.

Natürlich sind mit über 2 Millionen Einwohnern auch hier viele Menschen unterwegs, aus der europäischen Perspektive betrachtet. Aber die Stadt scheint irgendwie für noch sehr viel mehr Menschen konzipiert – viele Wohnungen, manchmal ganze Apartmentblöcke stehen leer, einige der riesigen neuen Shopping-Malls sind inzwischen schon wieder geschlossen.

Wie hier im Winter der Wind aus dem Grasland durch die breiten Alleen fegt, möchte man sich kaum vorstellen. Und es fällt auch schwer, bei immer noch 35 Grad.

Für mich ist es jedenfalls wieder ein neues Gesicht Chinas: diese Leere. Ein starker Kontrast zu den letzten Wochen im dicht besiedelten Beijing.

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Das Hauptgebäude der Inner Mongolia University of Technology.

Ich entdecke ein bisschen die Stadt, teils auf einige Faust, teils mit einem studentischen Stadtführer, der nach einer halben Stunde gesteht, wie aufgeregt er war, weil er den ganzen Nachmittag mit einer deutschen Schriftstellerin Deutsch reden sollte. Er hat dann aber sehr schnell festgestellt, dass a) Schriftsteller auch nur Menschen sind, b) deutsche Schriftsteller die deutschen Bezeichnungen von bestimmten Merkmalen der mongolischen Tempelarchitektur auch nicht kennen, c) diese spezielle Schriftstellerin viel lieber Chinesisch üben würde und d) Europäer mit heller Haut in der Sonne manchmal ganz rote Haut bekommen, man sie deshalb aber glücklicherweise nicht gleich ins Krankenhaus einliefern muss. Ein gekühltes Getränk im Schatten tut es auch.

Außerdem war ich offenbar pflegeleichter als die zwei Ausländer, die er am Vortag auf Englisch begleitet hat: die wollten nach Feierabend unbedingt in eine Bar – und da waren er und die Stadt nun wirklich überfragt.

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Nicht etwa die Moschee: Ein Shopping-Center.

Am vorletzten Tag haben dann der in Hohhot ansässige Bosch-Lektor und sein chinesischer Kollege einen Ausflug mit mir ins umliegende Grasland gemacht. Ein Vorschlag, der bei den meisten der anderen Chinesen bis dahin auf wenig Verständnis gestoßen war. Ja, da waren diese Berge um Hohhot herum, und ja, dahinter fing irgendwo das Grasland an – aber da gab es nun wirklich nichts zu sehen. Also, nur Berge und Grasland eben. Und da wollte ich hin?

Ja, da wollte ich hin. Und ich bin froh, das durchgesetzt zu haben, denn ich war wirklich beeindruckt von der Landschaft, auch wenn es außer dieser und ein paar einfachen Dörfern von der Schnellstraße aus tatsächlich nichts zu sehen gab.

Spaziergehen und Landschaft-Betrachten sind allerdings nicht unbedingt genuin chinesische Freizeitaktivitäten, muss man vielleicht dazu sagen. Ohne zusätzliche AAAA-Sehenswürdigkeit ist so eine Landschaft vernachlässigbar – wie generell eigentlich alle Orte, an denen sich nicht mindestens 500 andere chinesische Touristen aufhalten.

Weshalb man folgerichtig auf der Schnellstraße ins Grasland auch nirgendwo anhalten kann und es keine Abzweigungen in die Dörfer gibt. Dafür aber interessante ansteigende Pisten zum Ausrollen, falls die Bremsen mal versagen.

Im Grasland selbst stoßen wir dann doch noch auf eine richtige AAAA-Sehenswürdigkeit. So steht es zumindest auf dem Schild. Und da wir fast im selben Moment wie zwei Busladungen mit chinesischen Touristen ankommen, werden wir netterweise von mongolischen Schauspielern auf Pferden und mongolischen Sängerinnen in Cowboy-Boots begrüsst.

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Begegnung.

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Grasland-Attraktionen.

Es gibt ein paar nachgebaute und klimatisierte Jurten zum Übernachten und eine große Halle, wo nachts mongolische Schauspieler in mongolischer Tracht ums Feuer tanzen und die Gäste eine Menge 白酒 trinken, bis sie nach nebenan ins Karaoke-Zelt torkeln. Davor und danach kann man Jeep fahren, Pferde reiten und die vielen Windräder bewundern.

Das alles befindet sich glücklicherweise noch im Bau, weswegen wir uns mit den Windrädern zufrieden geben „müssen“ und dann zum 烧卖-Dumpling-Essen zurück in die Stadt fahren.

Eine Ausfahrt in eines der Dörfer gibt es auch auf dem Rückweg nicht.

Aber auf einem der Hügel hinter der Fahrbahnabsperrung sitzt, umringt von seiner Schafherde, ein mongolischer Hirte in – ja, tatsächlich – mongolischer Tracht, raucht eine Pfeife und schaut hinunter auf die vorbei rasenden LKWs mit ihren bunten Logos. Ein Fernsehen der anderen Art.

Ich lehne mich zurück, genieße die karge Landschaft und beschließe einfach für mich: Das nun war kein Schauspieler. Ich habe ein Stück echte Grasland-Kultur erhascht und kann nun beruhigt nach Hause fahren.

LEIDER.

Ich will eigentlich gar nicht weg aus China.

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Eingang zum größten Tempel von Hohhot.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Taiwan.

Wochenlang habe ich jedes Mal, wenn die Sprache darauf kam, dass ich Ende April weiter nach Taiwan reise, dasselbe gehört. „Taiwan ist großartig. Taipei wird dir gefallen. Und vor allem – das Essen ist der Hammer.“

Bei so viel Vorschusslorbeeren wird die Skeptikerin in mir natürlich hellhörig. „Na, das wollen wir erstmal sehen“, denkt sie sich.

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Markt in Taipei.

Aber es gibt keinen Grund zum Mäkeln. Taipei ist in der Tat eine fantastische Stadt – und ja, das Essen ist der Hammer. Wenn man möchte, wartet auf jedem der unzähligen Nachtmärkte eine neue Unterwasserkreatur darauf, in einen Pfannkuchen gerollt oder auf einen Spieß gesteckt und verspeist zu werden.

Dass man nicht mehr in der Volksrepublik China ist, erkennt man auch leicht. Nein, nicht an der Schnelligkeit des Internets. An den Autofahrern. Auch Autofahrer in Taipei haben es eilig und sind von der Anwesenheit von Fußgängern nicht überaus begeistert, sicher. Einen derartigen Hass auf ihre schiere Existenz wie die Beijinger PKW-, Taxi-, Bus- und Moped-Meute haben sie allerdings nicht. Wenn sie an einen Zebrastreifen gelangen, zeigen sie sich als gute Verlierer und halten an, wenn auch mit ungeduldig aufbrummendem Motor. Der Ellenbogen wird auch nicht mehr ganz so oft ausgefahren wie auf dem Festland, selbst in den engsten Einkaufsstraßen und von hasserfüllt vor sich hinmurmelnden Frauen über 50 nicht.

Und das Ende der Schlange ist definitiv wieder hinten. Und zwar ganz hinten, wenn man sich in der Einer-Reihe für die Rolltreppe zur Metro einzufädeln hat.

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Verkehr im Wanhua-Distrikt und Menschen mit Smartphone.

Und ich bin viel in der Metro unterwegs. In der Metro, aber auch mit Bussen und vor allem zu Fuß.

Taiwan ist der letzte und wichtigste Stopp meiner Recherche-Reise über die Schriftstellerin San Mao. Während ich in China hauptsächlich Bibliotheksrecherchen betrieben und Gespräche geführt habe, gleicht der Abschnitt hier eher einer postmodernen Schatzsuche. Ich klappere wichtige Schauplätze im Leben von San Mao ab – unter Zuhilfenahme von Google Maps und sehr vielen mehr oder weniger auskunftsfreudigen Anwohnern, die sich (zu guter Recht) wundern, warum diese „Touristin“ unbedingt eine uralte Klinik sehen möchte oder ein nummernloses Haus in einer winzigen Gasse. Und dann auch noch Fotos davon macht. Aber über die Woche fügen sich die Puzzleteile immer mehr zusammen. Und was vorher für mich nur auf dem Papier existierte, wird nach und nach immer plastischer.

Gut, ich will nichts schönreden. Es gibt ganz klar diese Momente, in denen ich irgendwo in der Nähe des Yangmingshan-Nationalparks an einer steilen Straße stehe, auf einen Anschlussbus warte, von dem ich nicht sicher weiß, ob er wirklich existiert und mich frage, was genau ich eigentlich hier mache. Aber der Bus kommt und der Ausblick vom Campus der Chinese Culture University wenige Minuten später ist dann schon wieder so spektakulär, dass sich jeder Zweifel verbietet.

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Ausblick vom Campus der Chinese Culture University.

Den klaren Höhepunkt erreicht die Unternehmung allerdings erst einige Tage später. Da begebe ich mich zusammen mit einem Fahrer, den mir „Lester“ vom Hotel besorgt hat (mein Assistent ist an dem Tag leider nur online verfügbar, was am „Tag der Arbeit“ ja irgendwie auch verständlich ist), nach Wufang in Hsinchu. Ein kleines Bergdorf, in dem das Haus von San Mao steht. Dass sie dort eigentlich nie gewohnt hat, ist eine andere Geschichte.

Als wir die Dorfgrenze erreichen, wird schnell klar: Dieser Fahrer ist Gold wert. Denn zumindest er hat auf der zweieinhalbstündigen Fahrt Lunte gerochen und ist nun fest entschlossen, Wufang erst wieder zu verlassen, wenn wir jeden Stein umgedreht und mit allen Dorfbewohnern gesprochen haben. Mehr Einsatz hätte auch mein Assistent nicht zeigen können.

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Da lang geht’s zum Haus von San Mao (vielleicht).

Beim Warten auf die Besitzerin des Hauses von San Mao unterhalte ich mich mit einer Gruppe taiwanesischer und ex-taiwanesicher, jetzt kalifornischer Touristen. Sie alle kennen San Mao – wie fast alle Chinesen und Taiwaner, mit Ausnahme der Nachbarin direkt drei Häuser weiter – und haben zumindest eines ihrer Bücher gelesen: „Stories of the Sahara“. Ein Thema, das nicht weiter weg wirken könnte, wenn man sich im satten Grün der Bergregion umsieht.

Außerdem warten sie mit interessanten Insider-Informationen auf, von denen manche so verdreht sind, dass ich sie mir in ihrer Wildheit direkt aufschreiben muss.

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Ausblick von der Terrasse des Hauses von San Mao.

Nach einigen Stunden Gesprächen und Besichtigungen bin ich fast schon zur Rückkehr nach Taipei bereit, aber mein Fahrer ist immer noch fest entschlossen, den amerikanischen Jesuiten-Priester aufzutreiben, der seit vierzig Jahren in der Gegend lebt und mit San Mao gut befreundet war. Und er wäre nicht der beste Ehren-Assistent aller Zeiten, wenn er ihn am Ende nicht auch tatsächlich gefunden hätte.

Als ich am Nachmittag dann mit Barry Martinson auf der Steinbank vor seiner Kirche sitze, denke ich: Das ist ein würdiger Abschluss meiner Recherchen. Das Notizbuch ist voll, auf dem Computer sind noch unzählige, bisher nicht gesichtete Unterlagen gespeichert und das Aufnahmegerät hat auch seinen Dienst getan.

Ich denke also, ich sollte mir noch eine Unterwasserkreatur am Spieß gönnen und dann die Füße bei einer traditionellen Fußmassage hochlegen. Oder sie einfach im Wasser baumeln lassen.

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Tam Sui Fluss.

Offener Brief an meinen Supermarkt.

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Lieber Jingkelong Supermarket.
Nun haben wir zusammengerechnet doch schon eine ganze Weile miteinander verbracht, und ich finde, es ist an der Zeit, unsere nachbarschaftliche Beziehung auf ein neues Level zu heben. Dazu gehört auch Offenheit.

Generell kommen wird gut klar, aber ich finde, es gibt da so ein paar Dinge, an denen wir arbeiten könnten.

– BELÜFTUNG. Du bist der einzige Supermarkt dieser Welt, bei dem die Luft im Eingangsbereich deutlich schlechter ist als in den hinterletzten Ecken deines Universums. Wie machst du das?

– WEINBERATUNG. Mein Chinesisch mag recht obskur sein, aber Englisch kann ich. Wenn beim Einkauf ständig jemand neben mir herläuft, der mir alle Texte auf den wenigen Weinflaschen im Sortiment vorliest, ist das also vergeudete Liebesmüh. Außerdem kann ich Zuckerpansch in jeder Sprache der Welt erkennen, also sei gewarnt.

– JINGLES. Euer Jingle ist toll, vor allem der Übergang von dem schreienden Kind (Mama, mama, give some of that great product over there!) zu dem Western-Song ist brilliant. Man fühlt sich gleich wie im Apalachen-Zelt und kauft sicher auch ein paar Western-Chips. Aber nach einem Monat frage ich mich nun doch: Habt ihr nicht noch einen zweiten Werbesong auf Lager? Das muss ja wie Gehirnwäsche sein für die Angestellten. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand das schreiende Kind ermorden wird.

– JIAOZI. Ja, ich möchte nur sechs Stücke, nicht zwölf. Ich bin keine vierköpfige Familie, auch wenn ich aus Europa komme. Danke.

– KARTEN. Nein, ich habe noch immer keine Jingkelong-Mitgliedskarte. Ich weiß, es ist unverständlich, aber es wird wohl auch so bleiben. Und nein, ich kann nicht mit WeChat bezahlen, so gerne ich es auch wollte. Und nein, ich brauche keine Plastiktüten, denn ich habe wie immer unverständlicherweise diese riesige Einkaufstasche hier dabei.

– BIER. Die deutschen Biersorten, die ihr verkauft, gibt es in Deutschland gar nicht. Aber sie schmecken okay, von daher: Greift nur zu beim Apostel-Hilf-Bräu in der 2-Liter-Dose.

– TOMATE. Neben der Erdbeere zu finden? Verstehe ich immer noch nicht.

– WERTSCHÄTZUNG: Ja, mein Mandarin ist echt schlecht und ihr habt es alle eilig. Bitte boxt mich aber an der Teigwaren-Theke nur noch in die Seite, wenn ich aus Versehen sage „Der Atomkrieg ist ausgebrochen“ statt „Noch zwei von denen links da“. Ich gebe mir ja schon Mühe.

– GETROCKNETE ERDBEEREN. Bisschen Lob muss auch sein: Eure getrockneten Erdbeeren sind toll. Besonders die mit ganz ganz vielen Giftstoffen und Geschmacksverstärkern drin.

– SOJA-SOSSE: Mal ganz ehrlich, so viele Sorten kann es doch gar nicht geben. Wo wir uns nun schon so gut kennen, verrate mir doch mal: Was steht wirklich in dem Regal?

Mit herzlichen Grüßen,
deine Tuanjiehu-Nachbarin
ULRIKE

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Andere Einkaufsmöglichkeiten im Umfeld.

Abstecher.

Nanjing ist deutlich kleiner als Beijing. Das erkennt man schon beim Aussteigen. Nicht am U-Bahn-System: An der Stöckelschuh-Dichte.

In der Beijinger U-Bahn sind hohe Absätze ein wirklich seltener Anblick. Wer nachher im Büro oder beim Date welche anziehen will, hat sie gut in der Umhängetasche verstaut und trägt sie ganz sicher nicht beim kilometerlangen Fußmarsch („Transfer“) in Guomao, Shaoyaoju oder einer der anderen Umsteige-Stationen.

Oder er / sie betritt eine U-Bahn gar nicht erst, sondern fährt gleich mit dem Taxi oder dem hauseigenen Mega-SUV.

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Welcome to Nanjing. Blick aus dem 20. Stock auf das Stadtzentrum.

In Nanjing sieht das anders aus. Selbst in Xinjiekou, der U-Bahn-Station in der Stadtmitte, die irgendwie Teil der Golden Eagle Shopping Mall ist, wimmelt es nur so von hohen Hacken und Pfennigabsätzen.

Und noch etwas ist anders: Der Staub ist fast weg. Während er in Beijing in jede Ritze kriecht und in manchen Gegenden regelrecht das Stadtbild dominiert, ist Nanjing eher grün.

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In der Nähe des Konfuzius-Tempels.

Das sollte ich eigentlich noch von meinem letzten Aufenthalt  wissen, aber erst nach ein paar Wochen in der Hauptstadt fällt es einem so richtig auf. Nanjing ist grün – und es ist auch um einiges langsamer Beijing.

Gut, dafür ist kulturell natürlich auch deutlich weniger los.

Und wenn man vom Uni-Campus mal absieht, begegnen einem hier auch sehr viel weniger Ausländer.

Was mir an sich egal wäre, würde es nicht dazu führen, dass die Anzahl der Minuten, die ich pro Tag an Haltestellen, in Parks und an Baozi-Ständen als unbezahlte Englischlehrerin verbringe, wieder deutlich zunimmt. Denn das Interesse am Erlernen der Verkehrssprache der westlichen Welt ist nach wie vor riesig.

Da hilft oft nur eines: Stupide weiter Mandarin sprechen, auch wenn einen so keiner versteht.

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Im kulinarischen Himmel. Mapo Doufu ohne Ende.

Ich bin erstaunt, wie relativ wenig sich Nanjing seit meinem letzten Besuch verändert hat. Auf dem Gulou-Campus sitzen noch immer dieselben alten Männer auf ihren ausrangierten Bürostühlen neben dem Obststand und spielen chinesisches Schach. Es scheint nicht ein einziger zu fehlen – was einen bei Herren dieses Alters ja durchaus glücklich stimmt.

Auch die ausländischen Studenten sitzen nach wie vor mit ihren Weizenbier-Gläsern in der Abendsonne vor ihrem Wohnheim – nur dass es eben schon die nächste Generation junger Sinologen ist.

Auch ein paar der Studenten, die ich noch von 2015 kenne, haben die Uni in der Zwischenzeit verlassen, einige sind im Austauschjahr in Deutschland, einige arbeiten bereits – aber ein paar bekannte Gesichter sind doch noch da. Auch unter den Dozenten natürlich.

Ich unterstreiche das aufkommende Nostalgie-Gefühl dann noch unfreiwillig durch die Auswahl meiner Garderobe.

Denn als mir die Institutsleiterin den Video-Zusammenschnitt von meinem Vortrag und unserem kleinen Theaterprojekt vorspielt, stellen wir fest, dass ich zur Feier des Tages auch noch exakt dasselbe Kleid trage wie damals bei der Abschlussveranstaltung. Plus Tasche und Schuhe, wie mich mein ehemaliger studentischer Begleiter pflichtgetreu wissen lässt.

Auch das wohl ein Mode-Faux-Pas, der – ich sagte es neulich, glaube ich, schon mal – wohl nur jemand unterlaufen kann, der (wie ich) niemals Frauenzeitschriften liest. Nicht mal beim Friseur.

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Abendspaziergang am See.

Auch meine Recherchearbeit kommt in Nanjing gut voran, der Abstecher hat sich auf jeden Fall gelohnt, nicht nur aus Nostalgie-Gründen.

Und Zugfahren in China ist ohnehin ein Erlebnis, schon allein wegen der  Geschwindigkeit, mit der die Landschaften vorbeiziehen. Früher musste man für die Fahrt von Nanjing in die Hauptstadt einen Nachtzug nehmen, heute geht das in etwas über vier Stunden.

Und alle halbe Stunde werden warme Gerichte, Nudelsuppen und frisches Obst durch die Gänge geschoben, und das nicht nur in der ersten Klasse. Und frisches Obst ist man von der Deutschen Bahn ja nun wirklich nicht gewöhnt.

Es gibt allerdings auch keine deutschen Austauschstudenten, die zwischen Qufu und Taian – wie zwischen Göttingen und Hannover ihre chinesischen Kollegen – warme Brezeln anbieten, muss ich gestehen. Noch sind also ein paar Start-Up-Lücken zu füllen, selbst in China.

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Auf dem alten Gulou-Campus.

Gerade als ich den Stift zücken will, um hintergründig in meinem Notizheft zu vermerken, dass das Reisen in klimatisierten Schnellzügen offenbar zu einer deutlichen Abnahme direkter Kommunikation führt (man muss sich schließlich nicht mehr darum streiten, ob das Huhn des Nachbarn nun besser auf dem ausklappbaren Tablett oder am Kleiderhaken Platz nehmen soll), lächelt mich der gerade eingestiegene Chinese rechts neben mir an, sammelt sich und fragt dann hoffnungsvoll: „Where are you from?“

Und mir wird klar, dass ich wohl eine Runde Englisch-Konversation betreiben muss, bevor ich die Unterhaltung freundlich, aber bestimmt mit der Anmerkung beenden kann, dass ich ja übrigens Chinesisch lerne und wir doch gleich auch noch ein bisschen Mandarin sprechen können.

Das führt normalerweise nämlich dazu, dass mein Gegenüber sein Smartphone hervorholt und plötzlich etwas ganz Wichtiges auf WeChat zu erledigen hat. Ein paar Sticker verschicken, zum Beispiel. Mit durch den Weltraum fliegenden Babies, Mao-Raps oder einer steppenden Hitler-Karikatur – und Katzen in allen Farben und Formen natürlich, wahlweise mit und ohne Weltraum, Rap, Hitler und Mao.

Aber der IT-Experte aus Wuxu entpuppt sich als interessanter Gesprächspartner mit recht unorthodoxen Theorien über die Zukunft unseres Planeten. So drohe ich ihm also nicht mit meinem Mandarin und höre stattdessen einfach zu, während draußen die grünen, hügligen Landschaften erst bergiger werden, dann noch etwas bergiger und dann karger – bis wir schließlich wieder in der Ebene ankommen und alles mit einer leichten Staubschicht überzogen scheint.

Wir nähern uns also Beijing.

Zeit, auszusteigen.

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Beijing South Station.

Alltag.

Es ist soweit. Mein Chinesisch ist endlich gut genug, um richtige Missverständnisse zu produzieren.

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Sanlitun, Beijing.

Während bei meinen früheren China-Reisen fast alle meine Versuche, jemand in eine längere Diskussion zu verwickeln, mit “没有“ beendet wurden (sehr verwandt dem bei deutschen Bühnenarbeitern gebräuchlichen „Gibt’s nicht“), sind die Leute nun eher bereit, mir ein, zwei Sätze lang zuzuhören.

Auch meine Bestellfähigkeiten werden besser. Das allererste Essen, was ich jemals in China bestellt habe, bestand noch aus Huhn, Huhn und Huhn (und zwar aus den Teilen eines Huhnes, die ich sonst nicht so wahnsinnig oft esse). Dagegen sah unsere 火锅 (Feuertopf)-Zusammenstellung vorgestern schon recht sinnvoll aus. Es gab sogar ein paar Nudeln und Kohlblätter für den Vegetarier unter den Anwesenden.

Mir ist es auch gelungen, ohne Internet und Telefon eine Bar zu finden, die vor einer Weile umgezogen ist, während ich leider nur die alte Adresse hatte. Hierbei waren der Schlüssel zum Erfolg der nicht sonderlich vielbeschäftigte Sicherheitsoffizier der Botschaft von Samoa und eine nette Dame aus Hongkong, die mir in einem einschlägigen Irish Pub eine kleine Karte zeichnete, die mich (zwei Stunden später) direkt zum Ziel führte.

Im Tuanjiehu-Park musste ich mich letztens allerdings geschlagen geben.

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Tuanjiehu-Park, Beijing.

Dass die netten jungen Damen und Herren mir irgendwas verkaufen wollten, war mir schon klar, als sie auf mich zukamen und sich erkundigten, ob ich denn hier in der Gegend wohnen würde. Eine Frage, die mir immer wieder auch die anderen Mieter in meinem Apartment-Block stellen, wenn sie mich zufällig im Lift treffen. Im Gegensatz zu den anderen Mietern, denen es meist darum geht, ihre Englischkenntnisse anzuwenden, legte es diese Truppe aber überhaupt nicht darauf an, in eine andere Sprache zu wechseln.

Nach einer Weile hatten wir uns dann soweit verständigt, dass sie mir etwas verkaufen wollten, was in Zusammenhang mit einem öffentlichen Auftritt steht. Und mit Schminke.

Ich schloß daraus, dass sie wohl Clowns sind, die mir Tickets für ihre Aufführung andrehen wollen. Eine Interpretation, auf die wirklich nur jemand kommen kann, der vom Theaterfach ist und niemals (nicht mal beim Friseur) Frauenzeitschriften liest.

Denn in Wahrheit wollten sie bloß, dass ich ein Jahresabo für den benachbarten Kosmetik-Salon erwerbe. Sie dachten wohl, ich bräuchte mal dringend eine Rundum-Erneuerung.

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In den Hutongs in der Gegend von Nanluoguo Xiang.

Ein Missverständnis anderer Natur führt dazu, dass derzeit noch mehr Menschen in Beijing Gesichtsmasken tragen als sonst. Und nein, es ist nicht der Smog. Es ist Schnee. Schnee in Form von sehr großen, weißen Pollen, die wirklich überall hineinzukriechen scheinen. Wenn sie nicht gerade in der Luft schweben.

Und dieses Phänomen ist angeblich komplett „menschgemacht“. Die gängige Theorie besagt, die Partei hätte irgendwann im 20. Jahrhundert beschlossen, die Luftqualität durch die gezielte Ansiedlung von Pappeln und Weiden zu verbessern. Ein durchaus sinnvolles Anliegen.

Leider hat der Zuständige aber nicht darauf geachtet, ein richtiges Verhältnis von männlichen und weiblichen Exemplaren herzustellen. Wodurch es nun um diese Jahreszeit in Beijing eben immer schneit. Und zwar massiv.

Ob diese Theorie stimmt, vermag ich leider nicht zu sagen – aber der Schnee ist echt, so viel steht fest. Jetzt gerade schneit es sogar in meiner Wohnung, denn die Fenster sind offen. Ich glaube, ich mache sie mal zu.

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Pollen-Alarm.

 

 

 

 

Ankunft Beijing.

Das Ende der Schlange ist nicht mehr hinten.

Und das ist gut so, denn so weiß ich wenigstens, dass ich wieder in China bin.

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Beijing Hutong.

Es ist vier Uhr morgens, ich habe zwei Air Asia-Nachtflüge hinter mir (ein Ryan-Air-Flug mit Zwangs-Übernachtung, gewissermaßen) plus einen Zwischenstopp in Kuala Lumpur. Deshalb bin ich mir nicht so hundertprozentig sicher, wo ich eigentlich gerade bin.

Bis mir eine etwa ein Meter fünfzig große und um die achtzig Jahre junge Dame von schräg rechts unten ihren Ellenbogen in den Unterleib rammt. Und dann mit der Selbstverständlichkeit einer Diplomatenkarosse durch das Meer an müden Menschen steuert, um sich ganz vorne in der Schlange wieder einzureihen.

Guten Morgen, Beijing.

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Tuanjiehu U-Bahn-Station.

Etwa um halb zehn komme ich nach einigen Wirrungen um einen vertauschten Schlüssel dann endlich auch in der Wohnung an. Und bin recht erstaunt, wie wenig sich die Nachbarschaft in Tuanjiehu verändert hat. In einer Stadt, in der Veränderung eigentlich das Mass aller Dinge ist. Veränderung und die Kunst der Logistik.

Beijing ist eine Flächenstadt; wenn man rechtzeitig von Termin A zu Termin B kommen will, muss man manchmal schon wissen, wie. Und das ein bisschen planen.

Natürlich gibt es für all das inzwischen Apps, aber am Ende einer App steht ja manchmal leider auch ein Mensch, und das kann in diesem Fall ein Taxifahrer sein, der erwartet, dass man seinen Aufenthaltsort auch in korrektem Mandarin eingegeben hat. Und dass man danach immer am Telefon hängt, um das Annähern des Taxis Schritt für Schritt zu verfolgen.

Für die meisten Ortsansässigen ist das kein Problem, sie sind sowieso 24 Stunden am Tag auf WECHAT.  Selbst wenn Facebook hier frei zugänglich wäre – richtig brauchen würde es vermutlich niemand. WECHAT informiert, tratscht und organisiert rund um die Uhr und ist ein unablässiges Werkzeug, um die logistischen Herausforderungen des Alltags zu meistern. Plus/minus der organisatorischen Talente, die die Beteiligten eines Gruppen-Chats selbst so in den Feed einspeisen, wohlgemerkt.

Der Makel Mensch. Da haben wir’s wieder.

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Eingang zu einem traditionellen Hutong.

Mein holpriges Chinesisch ist leider auch alles andere als makellos.

Und da ich außerdem weder gerne shoppe noch Frauenzeitschriften lese (die vermutlich heute ohnehin ganz anders heißen), ist es verständlich, dass ich beim Ausruhen auf der Parkbank noch fünf Minuten nach Beginn des Gesprächs überzeugt bin, mich mit einer Gruppe Clowns zu unterhalten, die mir eine Zirkusvorstellung andrehen wollen, während es sich in Wahrheit um Visagisten handelt, die wohl der Ansicht waren, dass mein vom Flug zerknittertes Gesicht dringend eine Rundum-Erneuerung benötigt.

Ich fürchte, beim nächsten Air Asia-Flug werde ich wohl bisschen im Bordmagazin stöbern müssen, um mein kosmetisches Vokabular etwas aufzubessern.

Dann klappt’s sicher auch im Park.

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Ausflugsboot-Rush-Hour am Beihai-See.

 

 

Sri Lanka.

Beim Start spielt die Airline das übliche Sicherheitsvideo ab. Zusätzlich erfährt man, dass Trommeln bitte unter dem Vordersitz zu verstauen sind und das ausklappbare Tablett kein Percussion-Instrument darstellt.

Was zunächst einfach nur charmant klingt, erweist sich schon wenig später als essentielle Information. Die Trommeln, das Singen, jede Art von Musik sind aus dem Alltag in Sri Lanka nicht wegzudenken. Und manchmal (wenn gerade kein Übersetzer da ist oder wir anderweitig an Sprachgrenzen stoßen) ist die Musik auch der beste Brückenbauer.

Das bekommen wir schon beim ersten Kennenlern-Treffen mit den Workshop-Teilnehmern eindrücklich bewiesen, denn unter ihnen ist kaum jemand, der nicht mit spontanen musikalischen Einlagen begeistern könnte – und das auch tut.

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Das Institute of Sinhala Culture in Colombo.

Ich bin nach Sri Lanka gekommen, um zusammen mit einer Kollegin von den Philippinen einen Theater-Workshop zu geben. Sightseeing und Baden stehen also erstmal nicht auf dem Programm.

Aber das macht nichts: Die Teilnehmer und an der Durchführung Beteiligten des Institute of Sinhala Culture und des National Theatre Institute sind allesamt bezaubernd und retten uns mit ihrem Enthusiasmus auch durch die heißesten Phasen des Tages. Und diese Phasen sind manchmal SEHR heiß, gefühlt steigen die Temperaturen annähernd auf die Zahl der Teilnehmer (die bei etwas über fünfzig liegt). Nach dem Aufwärmen sind alle schweißgebadet, und gegen Nachmittag hat man das Gefühl, dass der Staub in der Luft brennt.

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Beim Theater-Workshop mit Dessa Quesada-Palm und etwa einem Drittel der Teilnehmer.

Das beeinträchtigt die Laune der Menschen aber kein bisschen. Sie scheinen immer ein Lächeln übrig zu haben. Und finden sehr pragmatische Lösungen für Probleme, die in Europa einen ganzen Rattenschwanz an Bürokratie hinter sich herziehen würden.

Die Dame in dem senfgelben Sari und mit dem unfassbar britischen Akzent, die an einem Morgen ohne große Umschweife meine Kreditkarte aus dem Geldautomaten befreit, in den sie fälschlicherweise in den Abendstunden geraten ist, zuckt auf meine Dankesbekundungen hin nur lächelnd die Achseln und sagt:

„You know, this is a tropical country.“

Ob damit schon alles gesagt ist, sei mal dahingestellt.

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Im Zentrum von Colombo. Tradition und Moderne.

Überhaupt Frauen. Im Workshop gibt es einen starken Überhang an Männern, was die Ortsansässigen damit erklären, dass die Familien die jungen Frauen abends nicht gerne alleine zu Theaterveranstaltungen oder Proben gehen lassen. Belästigungen sind zwar sicher nicht die Regel, kommen aber doch vor.

Und die Familien wachen streng über den weiblichen Nachwuchs. Das reicht bis zu den Hochzeitsplänen – was sich durchaus auch im Stadtbild spiegelt. So eine Dichte an Brautläden habe ich, glaube ich, noch nirgendwo gesehen.

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Verkehr und Bräute.

Im Workshop selbst gehen Frauen und Männer aber sehr entspannt miteinander um, es scheint keinerlei Berührungsängste zu geben, auch wenn es manchmal sehr physisch wird. Für die Abschlusspräsentation bilden wir Kleingruppen und versuchen dabei, die Altersgruppen etwas zu mischen, wodurch eine Gruppe mit nur einer Frau und sieben Männern entsteht. Wir sind uns nicht sicher, ob der Frau das vielleicht unangenehm ist, aber als wir nach draußen zur Freiluftbühne kommen, um mal nachzuschauen, ist sie gerade dabei, die sieben folgsamen Männer mit Nachdruck zu inszenieren.

Sehr beeindruckt hat mich auch eine recht ungünstig fast mitten auf der Straße parkende Dame, die dem heran eilenden, schimpfenden Polizisten mit einer Geste zu verstehen gibt, dass seine Dienste jetzt hier gerade wirklich nicht benötigt werden.

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Proben auf der Außenbühne.

Ein richtig gut funktionierendes öffentliches Verkehrssystem gibt es in Colombo nicht, nur einige Busse. Ansonsten vertrauen alle auf die unzähligen motorisierten Tri-Shaws, auf Mopeds, Fahrräder oder eben ihr Privatauto. Wodurch die Hauptadern im Straßennetz regelmässig verstopfen, nicht nur in der Rush-Hour. Und die Sonne brennt und brennt, was die Sehnsucht nach einem eigenen Auto mit Klimaanlage irgendwie verständlich macht.

Nach Abschluss des Workshops bleiben noch zwei Tage für schnelles Sightseeing: Ein Tag Colombo selbst, ein Tag mit Übernachtung im Inland, in der Nähe des berühmten Felsens Sigiriya. In der Lodge im Dschungel beäugen kleine Affen unser Frühstück (Roti, Fischcurry und Coconut Sambal), Elefanten tauchen allerdings keine auf. Was den mitreisenden Singhalesen auch lieber zu sein scheint  – sie haben eindeutig Respekt vor den großen Tieren.

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Am Galle Face Green in Colombo.

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Nicht nur Coconut Sambal hat es mir angetan. Eigentlich wird mir die ganze Reise als ein nicht enden wollender Strom von unfassbar leckeren Speisen in Erinnerungen bleiben. Viele davon sehr süß, was normalerweise eigentlich gar nicht so mein Ding ist. Nicht zu vergessen das Obst und die Fruchtsäfte. Und der täglich beim Tea Break von „Uncle Peter“, dem Helfer im Sinhala Institute of Culture, zubereitete Ceylon-Tee natürlich.

Neben Süßspeisen ist aber noch etwas anderes in Sri Lanka sehr beliebt: Fotos. Ich glaube nicht, dass jemals eine meiner beruflichen oder privaten Aktivitäten so flächendeckend dokumentiert wurde. Was mir die Erkenntnis beschert hat, dass Makeup und Frisuren, die nach sechs Stunden Workshop bei tropischen Temperaturen noch immer sitzen, offenbar erst noch erfunden werden müssen. Und dass wir Nordeuropäer zu sehr roten Gesichtern neigen, wenn wir zu viel schwitzen. Das könnte die Evolution eigentlich mal abschaffen.

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Der „Golden Temple“ im Inland mit Kindern in Schuluniform.