Rückblick: Hohhot.

Juni. Es ist 37 Grad in Beijing und selbst im klimatisierten Innern des Internationalen Flughafens schleppen sich die Passagiere nur sehr langsam durch den Transitbereich. Am Tisch neben mir schläft ein Geschäftsreisender tief und fest auf seinem Laptop, obwohl nur ein paar Zentimeter von seinem Kopf entfernt ein MAAN-Coffeeshop-Teddy-Bär verzweifelt blinkt und surrt: Der Herr ist offenbar eingeschlafen, bevor er seinen Iced Matcha Latte an der Theke abgeholt hat.

Ich würde es ihm gerne gleichtun, der Nachtflug steckt mir noch ganz schön in den Knochen. Außerdem beschleicht mich das Gefühl, dass ich doch eigentlich gerade erst hier war, auf genau diesem Flughafen. Da war es mitten in der Nacht und ich in die umgekehrte Richtung unterwegs, von Taiwan über Beijing nach Frankfurt.

Nun bin ich schon wieder zurück und warte auf meinen Anschlussflug nach Hohhot (oder: 呼和浩特) in der Inneren Mongolei. Eine Gruppe Bosch-Lektoren veranstaltet dort das Finale eines Vorlese-Wettbewerbs für chinesische Deutsch-Studenten – und ich soll vor diesem Finale einen Workshop geben, eine „Schreibwerkstatt“.

Wann kommt man schon mal in die Innere Mongolei, dachte ich mir, also bin ich kurzerhand wieder in den Flieger gestiegen.

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Willkommen in Hohhot.

Die übliche Wartezeit auf dem Rollfeld, einen kurzen Inlandflug und eine sehr rasante Taxifahrt später bin ich dann im Hotel angekommen. Ich kann vor Müdigkeit kaum noch stehen, bin aber froh, endlich wieder in China zu sein – jetzt plötzlich kommen mir die drei Wochen Abwesenheit doch sehr lange vor.

Es riecht ein wenig nach Zigaretten, die Türen zu den Nachbarzimmern stehen alle auf, wo Herren in halb aufgeknöpften Anzügen zu zweit auf ihren Doppelbetten sitzen und lautstark mit den Kollegen im Nebenraum kommunizieren. Das Freizeit- und Service-Angebot des Hotels scheint fast ausschließlich auf eben diese Geschäftsmänner ausgelegt zu sein: Selbst der Bekleidungsladen im Erdgeschoss ist ein reiner Herren-Ausstatter.

Mein Zimmer, nur von mir alleine bewohnt, hat die Größe eines Eispalastes – und auch die entsprechende Temperatur. Zeit, sich mit der Klimaanlage zu beschäftigen, bleibt aber nicht, es geht gleich weiter zum Eröffnungsbankett.

Und als wenig später schiere Unmengen chinesischer Speisen vor mir stehen, kommen mir meine drei Wochen Abwesenheit gleich noch mal viel länger vor. Endlich wieder richtiges Essen!

Zwischen den vielen Gerichten habe ich Gelegenheit, die vier beteiligten Bosch-Lektoren und ihre beim Abendessen noch etwas schüchtern wirkenden Studenten aus Dalian, Mianyang, Nanjing und Hohhot kennenzulernen, mich auf unzähligen Selfies mit dem Servicepersonal zu verewigen und im Halbschlaf ein radebrechendes Gespräch mit der Dekanin der Fremdsprachen-Fakultät zu führen, an dessen Inhalt ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnere. Mein Chinesisch reicht aber nicht aus, um weltbewegende Gedanken zu äußern, also vermute ich mal, es ging um meine Anreise und das fantastische Essen.

Etwas später stehen wir an einer großen Kreuzung, deren Asphaltbelag komplett entfernt wurde (und mit ihm die gesamten Straßenmarkierungen, was eine Steilvorlage für jeden chinesischen PKW-Besitzer ist), es ist stockdunkel, der Baubetrieb trotz später Stunde in vollem Gange, und ich sehe vor allem eines: Staub.

Als wenige Sekunden später dann der Wecker klingelt (offenbar bin ich ich zwischenzeitlich ins Hotel zurückgekehrt, habe dort einen Schlafanzug angezogen, eben diesen Wecker gestellt und vielleicht sogar ein paar Minuten geschlafen), glaube ich noch immer, mich in der Stadt des Staubes zu befinden. Aber dieser Eindruck trügt, dazu muss man nur aus dem Fenster schauen. Bei Tage stellt sich der Wüsteneindruck nicht mehr her, und die Stadt ist einfach das, was chinesische Städte so gerne sind: Eine einzige Baustelle.

Für den Bau-Boom gibt es hier aber noch einen zusätzlichen Grund, denn das Jubiläum der Stadtgründung rückt näher. Und zu diesem Zweck wird eben Hausputz gemacht.

Eine solche Form von Hausputz ist in China leider oft mit dem Abriss von älteren Gebäuden verbunden, hier in Hohhot aber vor allem mit dem in bemerkenswerter Sturheit durchgesetzten Beschluss, möglichst viele neue Bäume zu pflanzen. Größere Bäume lassen sich zwar nicht so wahnsinnig gerne verpflanzen, schon gar nicht in einen so trockenen Boden hinein – aber davon lassen sich die chinesischen Städtebauer nicht abschrecken. Jeder größere Baum bekommt einfach eine Art hölzerner Laufstall verpasst. Daran kann er sich festhalten, bis er irgendwann dann vielleicht Wurzeln schlägt. Oder auch nicht. Hauptsache, er steht am Tag des Jubiläums noch und hat dabei ein paar grüne Blätter.

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Inner Mongolia-Architektur.

Der Workshop und der Vorlese-Wettbewerb, bei dem ich der Jury vorsitze, machen mir großen Spaß, wie mir Unterrichten in China eigentlich immer Spaß macht. Die Studenten tauen schnell auf und lassen sich auf alles ein, auch auf die eher praktischen und physischen Übungen, die ihnen zunächst wohl bisschen fremd sind. „Wie, wir sollen Theater spielen?!?“ „Aber sicher doch. Tische weg, Notizhefte weg, Ärmel hochgekrempelt.“

Am Ende des Wochenendes sind alle zufrieden, die Studenten aber auch ganz schön erledigt: So viele neue Menschen, so viele Programmpunkte und Herausforderungen (ich persönlich hätte mich nicht getraut, in einem Vorlesewettbewerb einen Text von Nietzsche zu lesen, also Hut ab), so viele neue Ideen und Denkanstösse. Und manche von ihnen haben noch 24 Stunden Zugfahrt vor sich, bevor sie wieder an der heimatlichen Universität in Sichuan ankommen.

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Abreisetag für die Studenten.

Ich bleibe noch ein paar Tage länger und ziehe deshalb in eine Wohnung auf dem Innenstadt-Campus um, die mir netterweise zur Verfügung gestellt wird. Das ist praktisch, denn Hohhot ist nicht nur eine Stadt der Baustellen und neu gepflanzten Bäume, sondern vor allem auch eine Stadt der großen Entfernungen. Von einem Campus zum anderen ist man schon mal eine Stunde im Taxi unterwegs, eine U-Bahn gibt es bisher nur im Innenstadtkern. Und die Straßen und Plätze sind riesig, die Monumente haben manchmal schon gigantomanische Ausmaße.

Natürlich sind mit über 2 Millionen Einwohnern auch hier viele Menschen unterwegs, aus der europäischen Perspektive betrachtet. Aber die Stadt scheint irgendwie für noch sehr viel mehr Menschen konzipiert – viele Wohnungen, manchmal ganze Apartmentblöcke stehen leer, einige der riesigen neuen Shopping-Malls sind inzwischen schon wieder geschlossen.

Wie hier im Winter der Wind aus dem Grasland durch die breiten Alleen fegt, möchte man sich kaum vorstellen. Und es fällt auch schwer, bei immer noch 35 Grad.

Für mich ist es jedenfalls wieder ein neues Gesicht Chinas: diese Leere. Ein starker Kontrast zu den letzten Wochen im dicht besiedelten Beijing.

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Das Hauptgebäude der Inner Mongolia University of Technology.

Ich entdecke ein bisschen die Stadt, teils auf einige Faust, teils mit einem studentischen Stadtführer, der nach einer halben Stunde gesteht, wie aufgeregt er war, weil er den ganzen Nachmittag mit einer deutschen Schriftstellerin Deutsch reden sollte. Er hat dann aber sehr schnell festgestellt, dass a) Schriftsteller auch nur Menschen sind, b) deutsche Schriftsteller die deutschen Bezeichnungen von bestimmten Merkmalen der mongolischen Tempelarchitektur auch nicht kennen, c) diese spezielle Schriftstellerin viel lieber Chinesisch üben würde und d) Europäer mit heller Haut in der Sonne manchmal ganz rote Haut bekommen, man sie deshalb aber glücklicherweise nicht gleich ins Krankenhaus einliefern muss. Ein gekühltes Getränk im Schatten tut es auch.

Außerdem war ich offenbar pflegeleichter als die zwei Ausländer, die er am Vortag auf Englisch begleitet hat: die wollten nach Feierabend unbedingt in eine Bar – und da waren er und die Stadt nun wirklich überfragt.

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Nicht etwa die Moschee: Ein Shopping-Center.

Am vorletzten Tag haben dann der in Hohhot ansässige Bosch-Lektor und sein chinesischer Kollege einen Ausflug mit mir ins umliegende Grasland gemacht. Ein Vorschlag, der bei den meisten der anderen Chinesen bis dahin auf wenig Verständnis gestoßen war. Ja, da waren diese Berge um Hohhot herum, und ja, dahinter fing irgendwo das Grasland an – aber da gab es nun wirklich nichts zu sehen. Also, nur Berge und Grasland eben. Und da wollte ich hin?

Ja, da wollte ich hin. Und ich bin froh, das durchgesetzt zu haben, denn ich war wirklich beeindruckt von der Landschaft, auch wenn es außer dieser und ein paar einfachen Dörfern von der Schnellstraße aus tatsächlich nichts zu sehen gab.

Spaziergehen und Landschaft-Betrachten sind allerdings nicht unbedingt genuin chinesische Freizeitaktivitäten, muss man vielleicht dazu sagen. Ohne zusätzliche AAAA-Sehenswürdigkeit ist so eine Landschaft vernachlässigbar – wie generell eigentlich alle Orte, an denen sich nicht mindestens 500 andere chinesische Touristen aufhalten.

Weshalb man folgerichtig auf der Schnellstraße ins Grasland auch nirgendwo anhalten kann und es keine Abzweigungen in die Dörfer gibt. Dafür aber interessante ansteigende Pisten zum Ausrollen, falls die Bremsen mal versagen.

Im Grasland selbst stoßen wir dann doch noch auf eine richtige AAAA-Sehenswürdigkeit. So steht es zumindest auf dem Schild. Und da wir fast im selben Moment wie zwei Busladungen mit chinesischen Touristen ankommen, werden wir netterweise von mongolischen Schauspielern auf Pferden und mongolischen Sängerinnen in Cowboy-Boots begrüsst.

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Begegnung.

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Grasland-Attraktionen.

Es gibt ein paar nachgebaute und klimatisierte Jurten zum Übernachten und eine große Halle, wo nachts mongolische Schauspieler in mongolischer Tracht ums Feuer tanzen und die Gäste eine Menge 白酒 trinken, bis sie nach nebenan ins Karaoke-Zelt torkeln. Davor und danach kann man Jeep fahren, Pferde reiten und die vielen Windräder bewundern.

Das alles befindet sich glücklicherweise noch im Bau, weswegen wir uns mit den Windrädern zufrieden geben „müssen“ und dann zum 烧卖-Dumpling-Essen zurück in die Stadt fahren.

Eine Ausfahrt in eines der Dörfer gibt es auch auf dem Rückweg nicht.

Aber auf einem der Hügel hinter der Fahrbahnabsperrung sitzt, umringt von seiner Schafherde, ein mongolischer Hirte in – ja, tatsächlich – mongolischer Tracht, raucht eine Pfeife und schaut hinunter auf die vorbei rasenden LKWs mit ihren bunten Logos. Ein Fernsehen der anderen Art.

Ich lehne mich zurück, genieße die karge Landschaft und beschließe einfach für mich: Das nun war kein Schauspieler. Ich habe ein Stück echte Grasland-Kultur erhascht und kann nun beruhigt nach Hause fahren.

LEIDER.

Ich will eigentlich gar nicht weg aus China.

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Eingang zum größten Tempel von Hohhot.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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