Archiv für den Monat Mai 2017

Taiwan.

Wochenlang habe ich jedes Mal, wenn die Sprache darauf kam, dass ich Ende April weiter nach Taiwan reise, dasselbe gehört. „Taiwan ist großartig. Taipei wird dir gefallen. Und vor allem – das Essen ist der Hammer.“

Bei so viel Vorschusslorbeeren wird die Skeptikerin in mir natürlich hellhörig. „Na, das wollen wir erstmal sehen“, denkt sie sich.

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Markt in Taipei.

Aber es gibt keinen Grund zum Mäkeln. Taipei ist in der Tat eine fantastische Stadt – und ja, das Essen ist der Hammer. Wenn man möchte, wartet auf jedem der unzähligen Nachtmärkte eine neue Unterwasserkreatur darauf, in einen Pfannkuchen gerollt oder auf einen Spieß gesteckt und verspeist zu werden.

Dass man nicht mehr in der Volksrepublik China ist, erkennt man auch leicht. Nein, nicht an der Schnelligkeit des Internets. An den Autofahrern. Auch Autofahrer in Taipei haben es eilig und sind von der Anwesenheit von Fußgängern nicht überaus begeistert, sicher. Einen derartigen Hass auf ihre schiere Existenz wie die Beijinger PKW-, Taxi-, Bus- und Moped-Meute haben sie allerdings nicht. Wenn sie an einen Zebrastreifen gelangen, zeigen sie sich als gute Verlierer und halten an, wenn auch mit ungeduldig aufbrummendem Motor. Der Ellenbogen wird auch nicht mehr ganz so oft ausgefahren wie auf dem Festland, selbst in den engsten Einkaufsstraßen und von hasserfüllt vor sich hinmurmelnden Frauen über 50 nicht.

Und das Ende der Schlange ist definitiv wieder hinten. Und zwar ganz hinten, wenn man sich in der Einer-Reihe für die Rolltreppe zur Metro einzufädeln hat.

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Verkehr im Wanhua-Distrikt und Menschen mit Smartphone.

Und ich bin viel in der Metro unterwegs. In der Metro, aber auch mit Bussen und vor allem zu Fuß.

Taiwan ist der letzte und wichtigste Stopp meiner Recherche-Reise über die Schriftstellerin San Mao. Während ich in China hauptsächlich Bibliotheksrecherchen betrieben und Gespräche geführt habe, gleicht der Abschnitt hier eher einer postmodernen Schatzsuche. Ich klappere wichtige Schauplätze im Leben von San Mao ab – unter Zuhilfenahme von Google Maps und sehr vielen mehr oder weniger auskunftsfreudigen Anwohnern, die sich (zu guter Recht) wundern, warum diese „Touristin“ unbedingt eine uralte Klinik sehen möchte oder ein nummernloses Haus in einer winzigen Gasse. Und dann auch noch Fotos davon macht. Aber über die Woche fügen sich die Puzzleteile immer mehr zusammen. Und was vorher für mich nur auf dem Papier existierte, wird nach und nach immer plastischer.

Gut, ich will nichts schönreden. Es gibt ganz klar diese Momente, in denen ich irgendwo in der Nähe des Yangmingshan-Nationalparks an einer steilen Straße stehe, auf einen Anschlussbus warte, von dem ich nicht sicher weiß, ob er wirklich existiert und mich frage, was genau ich eigentlich hier mache. Aber der Bus kommt und der Ausblick vom Campus der Chinese Culture University wenige Minuten später ist dann schon wieder so spektakulär, dass sich jeder Zweifel verbietet.

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Ausblick vom Campus der Chinese Culture University.

Den klaren Höhepunkt erreicht die Unternehmung allerdings erst einige Tage später. Da begebe ich mich zusammen mit einem Fahrer, den mir „Lester“ vom Hotel besorgt hat (mein Assistent ist an dem Tag leider nur online verfügbar, was am „Tag der Arbeit“ ja irgendwie auch verständlich ist), nach Wufang in Hsinchu. Ein kleines Bergdorf, in dem das Haus von San Mao steht. Dass sie dort eigentlich nie gewohnt hat, ist eine andere Geschichte.

Als wir die Dorfgrenze erreichen, wird schnell klar: Dieser Fahrer ist Gold wert. Denn zumindest er hat auf der zweieinhalbstündigen Fahrt Lunte gerochen und ist nun fest entschlossen, Wufang erst wieder zu verlassen, wenn wir jeden Stein umgedreht und mit allen Dorfbewohnern gesprochen haben. Mehr Einsatz hätte auch mein Assistent nicht zeigen können.

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Da lang geht’s zum Haus von San Mao (vielleicht).

Beim Warten auf die Besitzerin des Hauses von San Mao unterhalte ich mich mit einer Gruppe taiwanesischer und ex-taiwanesicher, jetzt kalifornischer Touristen. Sie alle kennen San Mao – wie fast alle Chinesen und Taiwaner, mit Ausnahme der Nachbarin direkt drei Häuser weiter – und haben zumindest eines ihrer Bücher gelesen: „Stories of the Sahara“. Ein Thema, das nicht weiter weg wirken könnte, wenn man sich im satten Grün der Bergregion umsieht.

Außerdem warten sie mit interessanten Insider-Informationen auf, von denen manche so verdreht sind, dass ich sie mir in ihrer Wildheit direkt aufschreiben muss.

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Ausblick von der Terrasse des Hauses von San Mao.

Nach einigen Stunden Gesprächen und Besichtigungen bin ich fast schon zur Rückkehr nach Taipei bereit, aber mein Fahrer ist immer noch fest entschlossen, den amerikanischen Jesuiten-Priester aufzutreiben, der seit vierzig Jahren in der Gegend lebt und mit San Mao gut befreundet war. Und er wäre nicht der beste Ehren-Assistent aller Zeiten, wenn er ihn am Ende nicht auch tatsächlich gefunden hätte.

Als ich am Nachmittag dann mit Barry Martinson auf der Steinbank vor seiner Kirche sitze, denke ich: Das ist ein würdiger Abschluss meiner Recherchen. Das Notizbuch ist voll, auf dem Computer sind noch unzählige, bisher nicht gesichtete Unterlagen gespeichert und das Aufnahmegerät hat auch seinen Dienst getan.

Ich denke also, ich sollte mir noch eine Unterwasserkreatur am Spieß gönnen und dann die Füße bei einer traditionellen Fußmassage hochlegen. Oder sie einfach im Wasser baumeln lassen.

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Tam Sui Fluss.