Abstecher.

Nanjing ist deutlich kleiner als Beijing. Das erkennt man schon beim Aussteigen. Nicht am U-Bahn-System: An der Stöckelschuh-Dichte.

In der Beijinger U-Bahn sind hohe Absätze ein wirklich seltener Anblick. Wer nachher im Büro oder beim Date welche anziehen will, hat sie gut in der Umhängetasche verstaut und trägt sie ganz sicher nicht beim kilometerlangen Fußmarsch („Transfer“) in Guomao, Shaoyaoju oder einer der anderen Umsteige-Stationen.

Oder er / sie betritt eine U-Bahn gar nicht erst, sondern fährt gleich mit dem Taxi oder dem hauseigenen Mega-SUV.

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Welcome to Nanjing. Blick aus dem 20. Stock auf das Stadtzentrum.

In Nanjing sieht das anders aus. Selbst in Xinjiekou, der U-Bahn-Station in der Stadtmitte, die irgendwie Teil der Golden Eagle Shopping Mall ist, wimmelt es nur so von hohen Hacken und Pfennigabsätzen.

Und noch etwas ist anders: Der Staub ist fast weg. Während er in Beijing in jede Ritze kriecht und in manchen Gegenden regelrecht das Stadtbild dominiert, ist Nanjing eher grün.

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In der Nähe des Konfuzius-Tempels.

Das sollte ich eigentlich noch von meinem letzten Aufenthalt  wissen, aber erst nach ein paar Wochen in der Hauptstadt fällt es einem so richtig auf. Nanjing ist grün – und es ist auch um einiges langsamer Beijing.

Gut, dafür ist kulturell natürlich auch deutlich weniger los.

Und wenn man vom Uni-Campus mal absieht, begegnen einem hier auch sehr viel weniger Ausländer.

Was mir an sich egal wäre, würde es nicht dazu führen, dass die Anzahl der Minuten, die ich pro Tag an Haltestellen, in Parks und an Baozi-Ständen als unbezahlte Englischlehrerin verbringe, wieder deutlich zunimmt. Denn das Interesse am Erlernen der Verkehrssprache der westlichen Welt ist nach wie vor riesig.

Da hilft oft nur eines: Stupide weiter Mandarin sprechen, auch wenn einen so keiner versteht.

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Im kulinarischen Himmel. Mapo Doufu ohne Ende.

Ich bin erstaunt, wie relativ wenig sich Nanjing seit meinem letzten Besuch verändert hat. Auf dem Gulou-Campus sitzen noch immer dieselben alten Männer auf ihren ausrangierten Bürostühlen neben dem Obststand und spielen chinesisches Schach. Es scheint nicht ein einziger zu fehlen – was einen bei Herren dieses Alters ja durchaus glücklich stimmt.

Auch die ausländischen Studenten sitzen nach wie vor mit ihren Weizenbier-Gläsern in der Abendsonne vor ihrem Wohnheim – nur dass es eben schon die nächste Generation junger Sinologen ist.

Auch ein paar der Studenten, die ich noch von 2015 kenne, haben die Uni in der Zwischenzeit verlassen, einige sind im Austauschjahr in Deutschland, einige arbeiten bereits – aber ein paar bekannte Gesichter sind doch noch da. Auch unter den Dozenten natürlich.

Ich unterstreiche das aufkommende Nostalgie-Gefühl dann noch unfreiwillig durch die Auswahl meiner Garderobe.

Denn als mir die Institutsleiterin den Video-Zusammenschnitt von meinem Vortrag und unserem kleinen Theaterprojekt vorspielt, stellen wir fest, dass ich zur Feier des Tages auch noch exakt dasselbe Kleid trage wie damals bei der Abschlussveranstaltung. Plus Tasche und Schuhe, wie mich mein ehemaliger studentischer Begleiter pflichtgetreu wissen lässt.

Auch das wohl ein Mode-Faux-Pas, der – ich sagte es neulich, glaube ich, schon mal – wohl nur jemand unterlaufen kann, der (wie ich) niemals Frauenzeitschriften liest. Nicht mal beim Friseur.

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Abendspaziergang am See.

Auch meine Recherchearbeit kommt in Nanjing gut voran, der Abstecher hat sich auf jeden Fall gelohnt, nicht nur aus Nostalgie-Gründen.

Und Zugfahren in China ist ohnehin ein Erlebnis, schon allein wegen der  Geschwindigkeit, mit der die Landschaften vorbeiziehen. Früher musste man für die Fahrt von Nanjing in die Hauptstadt einen Nachtzug nehmen, heute geht das in etwas über vier Stunden.

Und alle halbe Stunde werden warme Gerichte, Nudelsuppen und frisches Obst durch die Gänge geschoben, und das nicht nur in der ersten Klasse. Und frisches Obst ist man von der Deutschen Bahn ja nun wirklich nicht gewöhnt.

Es gibt allerdings auch keine deutschen Austauschstudenten, die zwischen Qufu und Taian – wie zwischen Göttingen und Hannover ihre chinesischen Kollegen – warme Brezeln anbieten, muss ich gestehen. Noch sind also ein paar Start-Up-Lücken zu füllen, selbst in China.

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Auf dem alten Gulou-Campus.

Gerade als ich den Stift zücken will, um hintergründig in meinem Notizheft zu vermerken, dass das Reisen in klimatisierten Schnellzügen offenbar zu einer deutlichen Abnahme direkter Kommunikation führt (man muss sich schließlich nicht mehr darum streiten, ob das Huhn des Nachbarn nun besser auf dem ausklappbaren Tablett oder am Kleiderhaken Platz nehmen soll), lächelt mich der gerade eingestiegene Chinese rechts neben mir an, sammelt sich und fragt dann hoffnungsvoll: „Where are you from?“

Und mir wird klar, dass ich wohl eine Runde Englisch-Konversation betreiben muss, bevor ich die Unterhaltung freundlich, aber bestimmt mit der Anmerkung beenden kann, dass ich ja übrigens Chinesisch lerne und wir doch gleich auch noch ein bisschen Mandarin sprechen können.

Das führt normalerweise nämlich dazu, dass mein Gegenüber sein Smartphone hervorholt und plötzlich etwas ganz Wichtiges auf WeChat zu erledigen hat. Ein paar Sticker verschicken, zum Beispiel. Mit durch den Weltraum fliegenden Babies, Mao-Raps oder einer steppenden Hitler-Karikatur – und Katzen in allen Farben und Formen natürlich, wahlweise mit und ohne Weltraum, Rap, Hitler und Mao.

Aber der IT-Experte aus Wuxu entpuppt sich als interessanter Gesprächspartner mit recht unorthodoxen Theorien über die Zukunft unseres Planeten. So drohe ich ihm also nicht mit meinem Mandarin und höre stattdessen einfach zu, während draußen die grünen, hügligen Landschaften erst bergiger werden, dann noch etwas bergiger und dann karger – bis wir schließlich wieder in der Ebene ankommen und alles mit einer leichten Staubschicht überzogen scheint.

Wir nähern uns also Beijing.

Zeit, auszusteigen.

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Beijing South Station.

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