Archiv für den Monat April 2017

Offener Brief an meinen Supermarkt.

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Lieber Jingkelong Supermarket.
Nun haben wir zusammengerechnet doch schon eine ganze Weile miteinander verbracht, und ich finde, es ist an der Zeit, unsere nachbarschaftliche Beziehung auf ein neues Level zu heben. Dazu gehört auch Offenheit.

Generell kommen wird gut klar, aber ich finde, es gibt da so ein paar Dinge, an denen wir arbeiten könnten.

– BELÜFTUNG. Du bist der einzige Supermarkt dieser Welt, bei dem die Luft im Eingangsbereich deutlich schlechter ist als in den hinterletzten Ecken deines Universums. Wie machst du das?

– WEINBERATUNG. Mein Chinesisch mag recht obskur sein, aber Englisch kann ich. Wenn beim Einkauf ständig jemand neben mir herläuft, der mir alle Texte auf den wenigen Weinflaschen im Sortiment vorliest, ist das also vergeudete Liebesmüh. Außerdem kann ich Zuckerpansch in jeder Sprache der Welt erkennen, also sei gewarnt.

– JINGLES. Euer Jingle ist toll, vor allem der Übergang von dem schreienden Kind (Mama, mama, give some of that great product over there!) zu dem Western-Song ist brilliant. Man fühlt sich gleich wie im Apalachen-Zelt und kauft sicher auch ein paar Western-Chips. Aber nach einem Monat frage ich mich nun doch: Habt ihr nicht noch einen zweiten Werbesong auf Lager? Das muss ja wie Gehirnwäsche sein für die Angestellten. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand das schreiende Kind ermorden wird.

– JIAOZI. Ja, ich möchte nur sechs Stücke, nicht zwölf. Ich bin keine vierköpfige Familie, auch wenn ich aus Europa komme. Danke.

– KARTEN. Nein, ich habe noch immer keine Jingkelong-Mitgliedskarte. Ich weiß, es ist unverständlich, aber es wird wohl auch so bleiben. Und nein, ich kann nicht mit WeChat bezahlen, so gerne ich es auch wollte. Und nein, ich brauche keine Plastiktüten, denn ich habe wie immer unverständlicherweise diese riesige Einkaufstasche hier dabei.

– BIER. Die deutschen Biersorten, die ihr verkauft, gibt es in Deutschland gar nicht. Aber sie schmecken okay, von daher: Greift nur zu beim Apostel-Hilf-Bräu in der 2-Liter-Dose.

– TOMATE. Neben der Erdbeere zu finden? Verstehe ich immer noch nicht.

– WERTSCHÄTZUNG: Ja, mein Mandarin ist echt schlecht und ihr habt es alle eilig. Bitte boxt mich aber an der Teigwaren-Theke nur noch in die Seite, wenn ich aus Versehen sage „Der Atomkrieg ist ausgebrochen“ statt „Noch zwei von denen links da“. Ich gebe mir ja schon Mühe.

– GETROCKNETE ERDBEEREN. Bisschen Lob muss auch sein: Eure getrockneten Erdbeeren sind toll. Besonders die mit ganz ganz vielen Giftstoffen und Geschmacksverstärkern drin.

– SOJA-SOSSE: Mal ganz ehrlich, so viele Sorten kann es doch gar nicht geben. Wo wir uns nun schon so gut kennen, verrate mir doch mal: Was steht wirklich in dem Regal?

Mit herzlichen Grüßen,
deine Tuanjiehu-Nachbarin
ULRIKE

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Andere Einkaufsmöglichkeiten im Umfeld.

Abstecher.

Nanjing ist deutlich kleiner als Beijing. Das erkennt man schon beim Aussteigen. Nicht am U-Bahn-System: An der Stöckelschuh-Dichte.

In der Beijinger U-Bahn sind hohe Absätze ein wirklich seltener Anblick. Wer nachher im Büro oder beim Date welche anziehen will, hat sie gut in der Umhängetasche verstaut und trägt sie ganz sicher nicht beim kilometerlangen Fußmarsch („Transfer“) in Guomao, Shaoyaoju oder einer der anderen Umsteige-Stationen.

Oder er / sie betritt eine U-Bahn gar nicht erst, sondern fährt gleich mit dem Taxi oder dem hauseigenen Mega-SUV.

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Welcome to Nanjing. Blick aus dem 20. Stock auf das Stadtzentrum.

In Nanjing sieht das anders aus. Selbst in Xinjiekou, der U-Bahn-Station in der Stadtmitte, die irgendwie Teil der Golden Eagle Shopping Mall ist, wimmelt es nur so von hohen Hacken und Pfennigabsätzen.

Und noch etwas ist anders: Der Staub ist fast weg. Während er in Beijing in jede Ritze kriecht und in manchen Gegenden regelrecht das Stadtbild dominiert, ist Nanjing eher grün.

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In der Nähe des Konfuzius-Tempels.

Das sollte ich eigentlich noch von meinem letzten Aufenthalt  wissen, aber erst nach ein paar Wochen in der Hauptstadt fällt es einem so richtig auf. Nanjing ist grün – und es ist auch um einiges langsamer Beijing.

Gut, dafür ist kulturell natürlich auch deutlich weniger los.

Und wenn man vom Uni-Campus mal absieht, begegnen einem hier auch sehr viel weniger Ausländer.

Was mir an sich egal wäre, würde es nicht dazu führen, dass die Anzahl der Minuten, die ich pro Tag an Haltestellen, in Parks und an Baozi-Ständen als unbezahlte Englischlehrerin verbringe, wieder deutlich zunimmt. Denn das Interesse am Erlernen der Verkehrssprache der westlichen Welt ist nach wie vor riesig.

Da hilft oft nur eines: Stupide weiter Mandarin sprechen, auch wenn einen so keiner versteht.

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Im kulinarischen Himmel. Mapo Doufu ohne Ende.

Ich bin erstaunt, wie relativ wenig sich Nanjing seit meinem letzten Besuch verändert hat. Auf dem Gulou-Campus sitzen noch immer dieselben alten Männer auf ihren ausrangierten Bürostühlen neben dem Obststand und spielen chinesisches Schach. Es scheint nicht ein einziger zu fehlen – was einen bei Herren dieses Alters ja durchaus glücklich stimmt.

Auch die ausländischen Studenten sitzen nach wie vor mit ihren Weizenbier-Gläsern in der Abendsonne vor ihrem Wohnheim – nur dass es eben schon die nächste Generation junger Sinologen ist.

Auch ein paar der Studenten, die ich noch von 2015 kenne, haben die Uni in der Zwischenzeit verlassen, einige sind im Austauschjahr in Deutschland, einige arbeiten bereits – aber ein paar bekannte Gesichter sind doch noch da. Auch unter den Dozenten natürlich.

Ich unterstreiche das aufkommende Nostalgie-Gefühl dann noch unfreiwillig durch die Auswahl meiner Garderobe.

Denn als mir die Institutsleiterin den Video-Zusammenschnitt von meinem Vortrag und unserem kleinen Theaterprojekt vorspielt, stellen wir fest, dass ich zur Feier des Tages auch noch exakt dasselbe Kleid trage wie damals bei der Abschlussveranstaltung. Plus Tasche und Schuhe, wie mich mein ehemaliger studentischer Begleiter pflichtgetreu wissen lässt.

Auch das wohl ein Mode-Faux-Pas, der – ich sagte es neulich, glaube ich, schon mal – wohl nur jemand unterlaufen kann, der (wie ich) niemals Frauenzeitschriften liest. Nicht mal beim Friseur.

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Abendspaziergang am See.

Auch meine Recherchearbeit kommt in Nanjing gut voran, der Abstecher hat sich auf jeden Fall gelohnt, nicht nur aus Nostalgie-Gründen.

Und Zugfahren in China ist ohnehin ein Erlebnis, schon allein wegen der  Geschwindigkeit, mit der die Landschaften vorbeiziehen. Früher musste man für die Fahrt von Nanjing in die Hauptstadt einen Nachtzug nehmen, heute geht das in etwas über vier Stunden.

Und alle halbe Stunde werden warme Gerichte, Nudelsuppen und frisches Obst durch die Gänge geschoben, und das nicht nur in der ersten Klasse. Und frisches Obst ist man von der Deutschen Bahn ja nun wirklich nicht gewöhnt.

Es gibt allerdings auch keine deutschen Austauschstudenten, die zwischen Qufu und Taian – wie zwischen Göttingen und Hannover ihre chinesischen Kollegen – warme Brezeln anbieten, muss ich gestehen. Noch sind also ein paar Start-Up-Lücken zu füllen, selbst in China.

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Auf dem alten Gulou-Campus.

Gerade als ich den Stift zücken will, um hintergründig in meinem Notizheft zu vermerken, dass das Reisen in klimatisierten Schnellzügen offenbar zu einer deutlichen Abnahme direkter Kommunikation führt (man muss sich schließlich nicht mehr darum streiten, ob das Huhn des Nachbarn nun besser auf dem ausklappbaren Tablett oder am Kleiderhaken Platz nehmen soll), lächelt mich der gerade eingestiegene Chinese rechts neben mir an, sammelt sich und fragt dann hoffnungsvoll: „Where are you from?“

Und mir wird klar, dass ich wohl eine Runde Englisch-Konversation betreiben muss, bevor ich die Unterhaltung freundlich, aber bestimmt mit der Anmerkung beenden kann, dass ich ja übrigens Chinesisch lerne und wir doch gleich auch noch ein bisschen Mandarin sprechen können.

Das führt normalerweise nämlich dazu, dass mein Gegenüber sein Smartphone hervorholt und plötzlich etwas ganz Wichtiges auf WeChat zu erledigen hat. Ein paar Sticker verschicken, zum Beispiel. Mit durch den Weltraum fliegenden Babies, Mao-Raps oder einer steppenden Hitler-Karikatur – und Katzen in allen Farben und Formen natürlich, wahlweise mit und ohne Weltraum, Rap, Hitler und Mao.

Aber der IT-Experte aus Wuxu entpuppt sich als interessanter Gesprächspartner mit recht unorthodoxen Theorien über die Zukunft unseres Planeten. So drohe ich ihm also nicht mit meinem Mandarin und höre stattdessen einfach zu, während draußen die grünen, hügligen Landschaften erst bergiger werden, dann noch etwas bergiger und dann karger – bis wir schließlich wieder in der Ebene ankommen und alles mit einer leichten Staubschicht überzogen scheint.

Wir nähern uns also Beijing.

Zeit, auszusteigen.

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Beijing South Station.

Alltag.

Es ist soweit. Mein Chinesisch ist endlich gut genug, um richtige Missverständnisse zu produzieren.

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Sanlitun, Beijing.

Während bei meinen früheren China-Reisen fast alle meine Versuche, jemand in eine längere Diskussion zu verwickeln, mit “没有“ beendet wurden (sehr verwandt dem bei deutschen Bühnenarbeitern gebräuchlichen „Gibt’s nicht“), sind die Leute nun eher bereit, mir ein, zwei Sätze lang zuzuhören.

Auch meine Bestellfähigkeiten werden besser. Das allererste Essen, was ich jemals in China bestellt habe, bestand noch aus Huhn, Huhn und Huhn (und zwar aus den Teilen eines Huhnes, die ich sonst nicht so wahnsinnig oft esse). Dagegen sah unsere 火锅 (Feuertopf)-Zusammenstellung vorgestern schon recht sinnvoll aus. Es gab sogar ein paar Nudeln und Kohlblätter für den Vegetarier unter den Anwesenden.

Mir ist es auch gelungen, ohne Internet und Telefon eine Bar zu finden, die vor einer Weile umgezogen ist, während ich leider nur die alte Adresse hatte. Hierbei waren der Schlüssel zum Erfolg der nicht sonderlich vielbeschäftigte Sicherheitsoffizier der Botschaft von Samoa und eine nette Dame aus Hongkong, die mir in einem einschlägigen Irish Pub eine kleine Karte zeichnete, die mich (zwei Stunden später) direkt zum Ziel führte.

Im Tuanjiehu-Park musste ich mich letztens allerdings geschlagen geben.

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Tuanjiehu-Park, Beijing.

Dass die netten jungen Damen und Herren mir irgendwas verkaufen wollten, war mir schon klar, als sie auf mich zukamen und sich erkundigten, ob ich denn hier in der Gegend wohnen würde. Eine Frage, die mir immer wieder auch die anderen Mieter in meinem Apartment-Block stellen, wenn sie mich zufällig im Lift treffen. Im Gegensatz zu den anderen Mietern, denen es meist darum geht, ihre Englischkenntnisse anzuwenden, legte es diese Truppe aber überhaupt nicht darauf an, in eine andere Sprache zu wechseln.

Nach einer Weile hatten wir uns dann soweit verständigt, dass sie mir etwas verkaufen wollten, was in Zusammenhang mit einem öffentlichen Auftritt steht. Und mit Schminke.

Ich schloß daraus, dass sie wohl Clowns sind, die mir Tickets für ihre Aufführung andrehen wollen. Eine Interpretation, auf die wirklich nur jemand kommen kann, der vom Theaterfach ist und niemals (nicht mal beim Friseur) Frauenzeitschriften liest.

Denn in Wahrheit wollten sie bloß, dass ich ein Jahresabo für den benachbarten Kosmetik-Salon erwerbe. Sie dachten wohl, ich bräuchte mal dringend eine Rundum-Erneuerung.

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In den Hutongs in der Gegend von Nanluoguo Xiang.

Ein Missverständnis anderer Natur führt dazu, dass derzeit noch mehr Menschen in Beijing Gesichtsmasken tragen als sonst. Und nein, es ist nicht der Smog. Es ist Schnee. Schnee in Form von sehr großen, weißen Pollen, die wirklich überall hineinzukriechen scheinen. Wenn sie nicht gerade in der Luft schweben.

Und dieses Phänomen ist angeblich komplett „menschgemacht“. Die gängige Theorie besagt, die Partei hätte irgendwann im 20. Jahrhundert beschlossen, die Luftqualität durch die gezielte Ansiedlung von Pappeln und Weiden zu verbessern. Ein durchaus sinnvolles Anliegen.

Leider hat der Zuständige aber nicht darauf geachtet, ein richtiges Verhältnis von männlichen und weiblichen Exemplaren herzustellen. Wodurch es nun um diese Jahreszeit in Beijing eben immer schneit. Und zwar massiv.

Ob diese Theorie stimmt, vermag ich leider nicht zu sagen – aber der Schnee ist echt, so viel steht fest. Jetzt gerade schneit es sogar in meiner Wohnung, denn die Fenster sind offen. Ich glaube, ich mache sie mal zu.

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Pollen-Alarm.

 

 

 

 

Ankunft Beijing.

Das Ende der Schlange ist nicht mehr hinten.

Und das ist gut so, denn so weiß ich wenigstens, dass ich wieder in China bin.

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Beijing Hutong.

Es ist vier Uhr morgens, ich habe zwei Air Asia-Nachtflüge hinter mir (ein Ryan-Air-Flug mit Zwangs-Übernachtung, gewissermaßen) plus einen Zwischenstopp in Kuala Lumpur. Deshalb bin ich mir nicht so hundertprozentig sicher, wo ich eigentlich gerade bin.

Bis mir eine etwa ein Meter fünfzig große und um die achtzig Jahre junge Dame von schräg rechts unten ihren Ellenbogen in den Unterleib rammt. Und dann mit der Selbstverständlichkeit einer Diplomatenkarosse durch das Meer an müden Menschen steuert, um sich ganz vorne in der Schlange wieder einzureihen.

Guten Morgen, Beijing.

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Tuanjiehu U-Bahn-Station.

Etwa um halb zehn komme ich nach einigen Wirrungen um einen vertauschten Schlüssel dann endlich auch in der Wohnung an. Und bin recht erstaunt, wie wenig sich die Nachbarschaft in Tuanjiehu verändert hat. In einer Stadt, in der Veränderung eigentlich das Mass aller Dinge ist. Veränderung und die Kunst der Logistik.

Beijing ist eine Flächenstadt; wenn man rechtzeitig von Termin A zu Termin B kommen will, muss man manchmal schon wissen, wie. Und das ein bisschen planen.

Natürlich gibt es für all das inzwischen Apps, aber am Ende einer App steht ja manchmal leider auch ein Mensch, und das kann in diesem Fall ein Taxifahrer sein, der erwartet, dass man seinen Aufenthaltsort auch in korrektem Mandarin eingegeben hat. Und dass man danach immer am Telefon hängt, um das Annähern des Taxis Schritt für Schritt zu verfolgen.

Für die meisten Ortsansässigen ist das kein Problem, sie sind sowieso 24 Stunden am Tag auf WECHAT.  Selbst wenn Facebook hier frei zugänglich wäre – richtig brauchen würde es vermutlich niemand. WECHAT informiert, tratscht und organisiert rund um die Uhr und ist ein unablässiges Werkzeug, um die logistischen Herausforderungen des Alltags zu meistern. Plus/minus der organisatorischen Talente, die die Beteiligten eines Gruppen-Chats selbst so in den Feed einspeisen, wohlgemerkt.

Der Makel Mensch. Da haben wir’s wieder.

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Eingang zu einem traditionellen Hutong.

Mein holpriges Chinesisch ist leider auch alles andere als makellos.

Und da ich außerdem weder gerne shoppe noch Frauenzeitschriften lese (die vermutlich heute ohnehin ganz anders heißen), ist es verständlich, dass ich beim Ausruhen auf der Parkbank noch fünf Minuten nach Beginn des Gesprächs überzeugt bin, mich mit einer Gruppe Clowns zu unterhalten, die mir eine Zirkusvorstellung andrehen wollen, während es sich in Wahrheit um Visagisten handelt, die wohl der Ansicht waren, dass mein vom Flug zerknittertes Gesicht dringend eine Rundum-Erneuerung benötigt.

Ich fürchte, beim nächsten Air Asia-Flug werde ich wohl bisschen im Bordmagazin stöbern müssen, um mein kosmetisches Vokabular etwas aufzubessern.

Dann klappt’s sicher auch im Park.

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Ausflugsboot-Rush-Hour am Beihai-See.