Archiv für den Monat August 2015

EIN NEUES KAPITEL: NANJING

Im Oktober werde ich für vier Wochen als Writer-in-Residence an der Universität Nanjing zu Gast sein. Darauf freue ich mich schon sehr.

Auf China, auf die Stadt, die Studenten – und hoffentlich auch aufs Schreiben (das weiß man ja leider irgendwie nie vorher als Autor, ob das ein Spaß wird oder nicht).

Im Herbst kommt dann also auch der Blog zurück.

Solange erstmal ein kleiner Vorgeschmack, diesmal literarischer Natur. Ein Text, den ich nach meiner allerersten China-Reise für Theater heute geschrieben habe: SNAP SHOT BEIJING.

Bridge in Chongqing, China.

Brücke in Chongqing, China.

snap shot beijing

Eines steht fest: Der Verkehr reißt nicht ab.
Der Geräuschpegel auch nicht.
Um von A nach B und wieder zurück zu kommen, nehme ich ein Taxi.

Taxifahrer 1: Herr Wang (sehr dünn).
Taxifahrer 2: Herr Wang (mitteldick).
Taxifahrer 3: redet ohne Unterlass und freut sich ungemein. Worüber, erschließt sich nicht sofort. Erst nach einer Weile begreift man: Er redet nicht etwa einem selbst, dem Fahrgast, sondern mit dem Anrufer und dem Moderator in der Radiosendung, die in ohrenbetäubender Lautstärke auch schon im Taxi von Herrn Wang (sehr dünn) und Herrn Wang (mitteldick) lief.
Taxifahrer 4: Findet den vom Fahrgast gemachten Vorschlag, zum Konfuziustempel zu fahren, nicht besonders gut, und schlägt deshalb ein paar alternative Möglichkeiten vor, wo man hinfahren könnte.
Taxifahrer 5: Herr Wang (Kettenraucher).
Taxifahrer 6: schläft gerade auf dem Lenkrad.
Taxifahrer 7: mag einen nicht so recht mitnehmen.
Taxifahrer 8: mag einen ganz bestimmt nicht mitnehmen.
Taxifahrer 9: organisiert einem Taxifahrer 10.
Taxifahrer 10: singt. Im Hintergrund läuft wieder die Radiosendung mit dem Anrufer, der jetzt aber eine Frau ist.
Taxifahrer 11: Soll einen eigentlich in die Verbotene Stadt fahren, fährt einen aber stattdessen einmal im Kreis durch das nördliche Dongcheng, um einen dann stolz wieder auf dem Hotelparkplatz abzusetzen. Auf die Frage hin, ob er sich sicher sei, dass es sich hierbei wirklich um die Verbotene Stadt handelt, macht er nur große Augen. Etwas anderes bleibt ihm auch nicht übrig, denn er spricht verständlicherweise kein Deutsch.
Taxifahrer 12: braucht eine neue Hupe. Gibt er mir zu verstehen. In Zeichensprache. Ich muss ihm Recht geben. Ohne Hupe ist man als Taxifahrer in Beijing vermutlich ganz schön aufgeschmissen.

Der Verkehr reißt nicht ab, und ich denke darüber nach, morgen mal die U-Bahn zu nehmen.

Weibliche Taxifahrerinnen sichte ich keine.
Doch, eine. Auf dem ersten Ring, auf einer gerade in Bewegung geratenen, mittleren Spur, aber auch sie wollte mich nicht mitnehmen. Verständlich. Ich stand ja auch kilometerweit entfernt am Straßenrand.

Neben dem Rushhourstau auf der Stadtautobahn spielt ein Pärchen Federball, und im Park nebenan machen vierzig ältere Frauen Aerobic, noch nicht ganz im Gleichschritt, aber nächsten Samstag bestimmt.

Einmal kommen Hühnerfüße in einer Glasschale, die Touristengruppen in der Verbotenen Stadt folgen nicht einem hochgehaltenen Regenschirm, sondern orientieren sich an den gleichfarbigen Baseballkappen der anderen Touristen ihrer beeindruckend großen Reisegruppe, in einem Power-Point-Vortrag aus Taiwan tragen die Zuschauer in einem Theater in Taipeh alle Mundschutz, am Flughafen wird die Körpertemperatur gescannt, im Hotelzimmer liegen Gasmaske und Fieberthermometer bereit, in der Pekingoper gefällt den Zuschauern am besten das Massenturnen der jungen Herren aus der Akrobatikabteilung, viel Applaus, auch wenn so mancher im Publikum gerade telefoniert und draußen mal wieder die Alarmanlage läuft (vielleicht sind’s auch zwei), die Stadt ist eine einzige Baustelle, durch die nachts die eisigen Wüstenwinde fegen, Staub in der Luft, Staub auf der Kleidung, Staub im Mund, viele Chinesen spucken noch immer auf die Straße, auch wenn die gesamten Stadt vor Olympia angeblich zu einem staatlichen Knigge-Kurs verurteilt wurde (kein Spucken, keinen Käufer mit Devisen in der Tasche übellaunig aus dem Geschäft pöbeln, bevor er eingekauft hat), Schwangere gibt es kaum auf den Straßen, hochgerechnet von einem normalen Sonntagsspaziergang in Hamburg-Altona müssten eigentlich wir Deutschen das Milliardenvolk sein, ich könnte ständig Halt machen, um noch was Kleines zu essen, auch wenn es sich dabei um einen Hühnerfuß handelt, öffentliches Schlafen und Schnarchen sind an der Tagesordnung, die Neonwerbung scheint in jeder Nacht greller und bunter zu werden, ich bin von Eindrücken erschlagen und so manches ist wohl lost in translation.

Nachts liege ich dann wach, und ein Blick um drei Uhr morgens vom Hotelfenster aus bestätigt: Der Verkehr reißt nicht ab.
Der Geräuschpegel auch nicht.

Fazit:
Während ich dem durch Mark und Bein gehenden Hupkonzert lausche, bin ich mir schon jetzt sicher, die Zeit in China war viel zu kurz, ich bin von Grund auf begeistert, ICH KOMME WIEDER.

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