Archiv für den Monat Dezember 2014

EPISODE 10: LEKTÜRE (Hamburg, Deutschland).

Ich bin wieder in Deutschland.

Das ist schade – aber manchmal muss man sich der Realität eben stellen.

Ich wollte schon seit Tagen einen abschließenden Blogeintrag verfassen, aber erst mähte mich der Jetlag um und dann hatte mich der Alltag auch schon wieder fest im Griff.

Es fehlen also ein paar zusammenfassende Worte zur Rückkehr – und natürlich, wie nach jeder Reise, der Lektüretipp mit dem besten literarischen Reisebegleiter.

In diesem Fall fällt die Wahl so leicht, dass man schon fast an Schiebung glauben könnte. Aber es ist tatsächlich so einfach: Wer nach China fährt, sollte mindestens ein Buch von Peter Hessler im Gepäck haben.

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Peter Hessler sagt alles Wesentliche und das auch noch auf eine intelligente, humorvolle Art und Weise ohne jegliche Selbstbeweihräucherung. Seine Bücher sind ausnahmslos empfehlenswert – und mehr Worte über Peter Hesslers Texte zu verlieren ist fast schon müssig, denn der folgende Bloglink sagt im Grunde alles:

„HOW PETER HESSLER RUINED MY CHINA LIFE“.

http://blogs.princeton.edu/pia/personal/ttalhelm/2009/03/how_peter_hessler_ruined_my_ch.html

Es fällt in der Tat recht schwer, den Versuch zu machen, über China zu schreiben, nachdem man Peter Hessler gelesen hat. (Der Autor des Blogeintrags hat sich dafür auf seine Art gerächt, siehe der Folge-Eintrag „How my blog entry ruined Peter Hessler’s google life“.)

Also spare ich mir die großen Worte und sage einfach: kaufen, lesen.

„ORACLE BONES“, der Band, den ich jetzt im Gepäck hatte, ist seltsamerweise noch nicht auf Deutsch erschienen (hallo, Verlage: Ich melde mich hier schon mal als Übersetzerin an! Sie erreichen mich den ganzen Tag und die ganze Nacht per Email, ich rufe SOFORT zurück) – aber einige der anderen Bücher von Peter Hessler liegen bereits auch in deutscher Übersetzung vor.

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EPISODE 10: UMBRELLAS (Central, Hong Kong).

Hong Kong Central, früher Sonntagabend, ein paar Stunden vor den gewaltsamen Zusammenstößen zwischen der Polizei und einigen der Demonstranten.

Als ich durch Central laufe, an den Zelten entlang zur blockierten Hauptstraße, ist die Atmosphäre sehr friedlich. Viele unfassbar junge Gesichter in der Menge, ein paar ältere Hong Konger und andere Beobachter sehen von der Seite aus zu. Verschiedene Diskussionsrunden sind im Gange (die meisten davon auf Kantonesisch), ein paar Kunstaktionen laufen ab, auf der großen Bühne unten auf der Straße folgen auf Ansprachen immer wieder Auftritte von Musikern.

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Immer mehr Leute versammeln sich, aber zu diesem Zeitpunkt ist die Menge noch nicht wirklich groß – und oft sind die Gruppen kaum zu unterscheiden von anderen Gruppen, die sich an diesem warmen Sonntagabend zusammengefunden haben: es wird getanzt, gesungen, geredet und Karten gespielt, überall in der Stadt.

Einige Polizisten sind auch zu sehen, auch sie schauen von der Seite aus zu, meistens in Zweiergrüppchen zusammensitzend, so weit sich erkennen lässt nicht besonders stark bewaffnet. Ein paar Straßen weiter parken mehrere Mannschaftswagen, bislang greift aber noch keiner der Polizisten ins Geschehen ein.

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Journalisten sind ebenfalls vor Ort, meisten mit Kameras ausgestattet, unter ihnen eine große blonde Frau europäischer Abstammung auf High-Heels, die Passanten interviewt, hunderte private Smartphones werden in den Abendhimmel gestreckt und zeichnen die Vorkommnisse auf, das Internet (inklusive aller sozialen Netzwerke) funktioniert die gesamte Zeit über reibungslos.

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Obwohl ich die Nacht nur ein paar Kilometer entfernt (Luftlinie) von Admiralty und Central verbringe, etwas bergaufwärts, sehe und höre ich von den späteren gewaltsamen Zusammenstößen zunächst nichts. Erst am nächsten Morgen erfahre ich davon, durch ein Nachrichtenvideo, das in einem gut gefüllten Pendlerzug läuft, der gerade durch die New Territories fährt. Unter den Pendlern scheint das Video kein großes Interesse zu wecken.

Abgesehen von den Demonstrationen und Zelten in Central (und wahrscheinlich in Mong Kok, wo ich persönlich nicht gewesen bin) schien das Leben in der Stadt während meines Aufenthalts überhaupt völlig unbeeinträchtigt vonstatten zu gehen. Wenn man die kryptische Nachricht an der Gepäckausgabe des Flughafens nicht mitrechnet, die vor „incidents around Central“ und daraus resultierenden längeren Taxifahrten warnt, und die Versuche einiger genervter Hotelangestellter, Touristen auf pittoreske Orte weit entfernt von Central hinzuweisen. Aber das ist nicht besonders überraschend, schätze ich.

Viel mehr hat mich überrascht, in der Stadt kaum Widerspiegelungen der Protestbewegung zu finden: in der Form von Plakaten, von Wandgemälden oder anderer Street Art, von kleineren Versammlungen oder Events, von Gesprächen, die man zufällig auf der Straße oder im Restaurant mithört. Das war nicht der Fall, alle schienen sich genau „nach Skript“ zu verhalten: die Geschäftsmänner in ihren Anzügen auf dem Weg zu ihren nur Meter von den Demonstrationen entfernten Büros, die Ex-Pats in den Bars in Soho, die Ladenbesitzer und Taxifahrer.

Aber dies ist natürlich nur ein persönlicher Kurzzeit-Eindruck, und ich bin nicht sicher, ob es zu einem früheren Zeitpunkt nicht mehr Zeichen der Unterstützung in der Stadt gab – aber ich hoffe es.

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Seit Sonntag sind schon wieder ein paar Tage ins Land gegangen, einige der Gründer von „Occupy Central“ haben sich in der Zwischenzeit der Polizei gestellt und fordern die Studenten und anderen Demonstranten dazu auf, nach „anderen Formen des Protests“ zu suchen (beispielsweise, dem Staat die Kooperation zu verweigern und keine Steuern mehr zu zahlen), ein paar der Studentenführer sind in Hungerstreik getreten, haben ihn heute aber offensichtlich auf ärztliches Anraten hin wieder abgebrochen.

Es fällt schwer, nicht den Schluss zu ziehen, dass die Bewegung in Hong Kong langsam austrocknet – zumindest für den Moment. Aber vielleicht wird die Zukunft ja dennoch Veränderung bringen. Zu wünschen wäre es.

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