Archiv für den Monat November 2014

EPISODE 9: WELT IN WATTE (Mid-Levels, Hongkong Island, Hongkong)

Die letzten Tage in Peking sind grau und leider recht versmogt. Man traut seinen Augen im ersten Moment nicht, aber ja: hin und wieder sitzen die Smog-Wolken auch IN den U-Bahn-Stationen fest und bewegen sich dort nicht mehr von der Stelle. Der Großteil meiner Umgebung präsentiert sich mir nur noch mit Atemmaske (außer den Bauarbeitern selbstredend), und abends ist es arschkalt.

Am Morgen meiner Abreise zeigt sich Peking dann noch mal von seiner schönsten Seite. Der APEC-Seite, der mit dem strahlend blauen Himmel.

Der nette Herr Zhang kommt mich am Vormittag abholen und stürzt sich heldenhaft mit meinem 20-Kilo-Koffer in den Verkehr auf der Ringstraße, denn irgendwie hat er leider auf der falschen Seite geparkt.

Wir kommen völlig entspannt und viel zu früh am Terminal an.

Dort läuft alles reibungslos. Am Eincheck-Schalter keine Schlange, auch der Ausreisestempel landet nach nur minutenlangem Anstehen im Pass, wir steigen in die Maschine, stehen dann eine Stunde ohne erkennbaren Grund auf dem Rollfeld herum – alles genau so, wie es sich für einen chinesischen Inlandsflug gehört. Die Dramatikerin in mir ist schon fast ein wenig enttäuscht.

Die Zeit während des Fluges verstreicht dafür kaugummiartug, ich lese gelangweilt die China Daily: Bei den Minderheiten-Spielen gibt es neuerdings auch die Kategorie „goat-grabbing“.

Auf der vorletzten Seite wartet die Zeitung dann noch mit den deprimierendsten Horoskopen weltweit auf: „You will face opposition if you are too vocal. Unless you are asked for advice, keep your opinions to yourself.“ – „Take a close look at your personal papers. Put all your documents in order.“

In Hongkong angekommen schlägt mir und meinem Winterparka dann erst mal die tropische Hitze entgegen. Aber die abendliche Taxifahrt vom Flughafen durch die Lichter der Großstadt nach Hongkong Island entschädigt für den ereignisarmen Flug und den nicht ganz leichten Abschied von Peking. Der gigantische Ausblick aus dem Hotelfenster auf die Skyline erst recht.

Seitdem ist die Welt wie in Watte gepackt.

Was vielleicht an mir liegt – aber wohl vor allem daran, dass die Stadt in dicke Regenwolken gehüllt ist, die ihren Inhalt einfach nicht loswerden wollen. Dazu die Luftfeuchtigkeit, das Meerklima – und das düstere Gebläse aus der einen oder anderen Klimaanlage.

(Bild 1: Verschiedene Formen des Dunstes.)

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Der größte Unterschied zu Peking sticht gleich am Morgen beim „Abstieg“ von Mid-Levels nach Central ins Auge: Rote Ampeln bedeuten plötzlich wieder etwas, auch Busse halten davor an, niemand kommt auf die Idee, dass man eine Staße nicht nur geradeaus, sondern in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig benutzen kann, und niemand zeigt einem einen Vogel, wenn man sich erdreistet, einen Zebrastreifen zu betreten.

Vielleicht ist das das britische Kolonialerbe.

Ein weiteres britisches Kolonialerbe ist natürlich der Linksverkehr – und wohl auch die englischen Ex-Pat-Frauen in den Supermärkten, die ihre drei Köpfe kleinere philippinische Nanny alle Einkäufe und das Kleinkind schleppen lassen, während sie selbst auf dem Handy herumtippen.

Ansonsten kommt mir die Stadt im Vergleich zu Peking fast leer vor: Die U-Bahn, die Busse, die Läden. Weniger Energie, weniger ausgefahrene Ellenbogen, weniger Anarchie im Alltag. Vielleicht fordert da einfach die Hitze ihren Tribut – oder die durchaus ordentliche Steigung auf Hongkong Island (zum Glück habe ich außer Winterstiefeln nur Absatzschuhe im Gepäck).

Stau gibt es natürlich auch, aber WIRKLICHER Stau (also so einer, der auch vor dem Bürgersteig nicht haltmacht) scheint nur zu entstehen, wenn die St. Joseph’s Kirche nebenan ihren Gottesdienst beendet. Und das passiert gefühlte sechs Mal am Tag. Dann wollen alle Gottesdienstbesucher dahin, wo unverständlicherweise auch alle Pekinger ständig hinwollen: Zu Starbucks. Bei Starbucks ist schon Weihnachten und ein schöner heißer Kaffee mit Sahne, Sirup und Gingerbread-Krümeln oben drauf scheint mir auch das absolut richtige für das hiesige Klima mit seinen 26 Grad.

(Bild 2: Kirchenstau auf der Garden Road.)

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EPISODE 8: DIE PEKINGER ZEIT (Tuanjiehu, Beijing).

Irgendwas stimmt nicht mit der Zeit in der chinesischen Hauptstadt.

Man kommt an und denkt, ein Tag hier hat vierundzwanzig Stunden, wie überall anders auch. Und in der Theorie hat er das auch. Die Praxis stimmt mit der Theorie allerdings (wie so oft) nicht im Geringsten überein. Denn in der Praxis hat der Tag hier höchstens zwanzig Stunden. Und dann ist er auch schon wieder vorbei. Vier bis fünf Stunden täglich verschwinden einfach in einem schwarzen Loch. Wie genau dieses schwarze Loch funktioniert, habe ich noch nicht herausgefunden. Ich kann nur sagen: es ist da – und es minimiert stetig meine Zeit vor Ort.

Aber ganz so einfach gebe ich mich natürlich nicht geschlagen. Was zur Folge hat, dass meine Tagesprogramme manchmal aussehen wie die Pläne für eine ganze Woche zu Hause. Und ich kaum zum Schreiben komme.

(Bild 1: Auf den Spuren des Taoismus.)

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Stattdessen passe ich mich der Pekinger Zeit an und lebe im Zeitraffer:

Ich besuche chinesische Opern und Performance-Kollektive in leerstehenden Hutongs, spreche in einem Dramaturgie-Seminar über das deutsche Theaterwesen und seine Blüten, durchreise die unendlichen Suburbs mit dem Bus (und machmal auch mit einem Golf-Cart), begebe mich auf den Weg zu einem alten Kloster in den Bergen und auf die Spuren des Taoismus, statte Lao Shes altem Wohnhaus einen Besuch ab und den Pelzen und Pelzträgern im russischen Viertel, fahre in den 798 Art District und betrachte chinesische Gegenwartskunst, besuche einige Touristenattraktionen wieder (andere aber auch nicht), treffe Menschen, die ich kenne, treffe Menschen, die ich nicht kenne, treffe Menschen, die ich eigentlich nur über facebook kenne, treffe Chinesen, treffe Deutsche, treffe englische und amerikanische Ex-Pats, treffe Künstler, die am gleichen Residenzprogramm teilnehmen wie ich („Red Gate Residency“), begleite Studenten bei Interviews für ein theatrales Rechercheprojekt, trinke sündhaft teuren Kaffee (Starbucks ist, glaube ich, der größte Anteilseigner an dieser Stadt), trinke sündhaft teuren Tee – und esse so gut wie alles, was mir in die Hände kommt: Yunnan-Küche, Anhui-Küche, Sichuan-Suppen (hot hot hot), Pfannkuchen, Baozi und Spieße bei mobilen Garküchen, Teigprodukte in westlich anmutenden Bäckereien (die Neu-Erfindung des Berliners als Panda), Winterküche in muslimischen Restaurants, Vegetarisches in buddhistischen Lokalen und Undefinierbares bei chinesischen Fast-Food-Ketten.

Ein Mal nehme ich sogar ein bio-organisches, veganes, glutenfreies Frühstückswrap („Tribe“ – warum das Lokal wohl so heißt?) zu mir, das laut Erklärung auf der Speisekarte mein Leben verlängern möchte (und meinen Atem regulieren, glaube ich).

Das ist gut, denn mir werden hier ja schließlich täglich einige Stunden von einem schwarzen Loch geklaut.

(Bild 2+3: Pelze und Pelzträger in Yabaolu.)

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EPISODE 7: TRANSPORT (Dritte Ringstrasse, Beijing).

Ich bewege mich eigentlich gerne von A nach B. Transportiert zu werden macht mir nichts aus – ganz im Gegenteil.

In Beijing erreicht das Phänomen „Transport“ allerdings neue Dimensionen.

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Fortbewegen kann man sich hier auf so ziemlich jede nur erdenkliche Weise. Und egal, welches Gefährt man auch wählt – man kann sich hundertprozentig sicher sein, dass man mit dieser Entscheidung nicht alleine ist.

Man kann zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren (wahrscheinlich immer noch die schnellste Variante), ein Taxi nehmen (im besten Fall eines, das einen auch mitnehmen möchte und dessen Fahrer nicht schon bei der bloßen Nennung des Zielortes vor lauter Stau-Fantasien böse schnauft), man kann sich in sein eigenes Auto setzen (sofern man eins hat, nicht gerade APEC-Woche ist und / oder man über die richtige Endziffer am Kennzeichen verfügt, um mit diesem Auto jetzt gerade auch fahren zu dürfen), man kann den Bus nehmen (beeindruckend geordnete Schlangen beim Warten an den Haltestellen) oder eine Art Straßenbahn (das habe ich selbst allerdings noch nicht ausprobiert) – und natürlich die U-Bahn.

Weiterhin stehen Mofas, Motorräder, Rikschas („Here, here. Come here. You English menue, yes?“), Mini-Vans und Elektro-Scooter zur Verfügung.

Letztere sind mit Abstand die schlimmsten von allen Schwerenötern, eine auf zwei Rädern umhergeisternde Unfallquelle; im Gedränge auf den Straßen sind sie die einzigen, die man NICHT hört, die einzigen, die NICHT hupen. Stattdessen schleichen sich geräuschlos von hinten an und werden dann wahlweise von einer Betonierraupe überrollt, schneiden einem Passanten den Weg ab (meistens mir natürlich) oder mähen beim Abbiegen mit leisem Summen einen Radfahrer um, der Leergut oder eine neue Kloschlüssel auf seinem Gepäckträger geladen hat.

Und dann gibt es noch ein paar fantastischere Gebilde, wilde Mischungen aus Rollern, Pferdekarren und erstaunlich behänden Golf-Carts, recht breite, an Dschunken erinnernde Schlachtrosse, die wohl eine ganze Gasse einnehmen würden, sollten sie den Fehler machen, in eine solche hineinzufahren – und die vermutlich in ihrem früheren Leben (also: bevor sie anfingen, mit Extensions und Plastikfenstern herum zu experimentieren) ein simples Mofa waren. Wenn auch vermutlich ein chinesisches (also: eines, das selbst seine anmontierten Handschuhe gegen den Wind aus der Gobi mitbringt und so etwas Wichtiges nicht etwa dem vergesslichen Fahrer überlässt).

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Die große Kreuzung vor meiner Haustür überquere ich jeden Tag mehrmals – und dieser Vorgang dauert in etwa so lange wie von hier zum Tiananmen zu kommen, inklusive Sicherheitscheck.

Und das, obwohl ich meine Zeiten schon verbessert und eine unschlagbare Taktik entwickelt habe, angelehnt an die in einer früheren Episode beschriebene Theorie „How to purchase an assistant in Beijing“.

Meine Taktik funktioniert in etwa so:

Ich warte einfach an der Ampel (also, an dem Ding, das ich Ampel nenne, die meisten anderen aber längst aus ihrem Vokabular gestrichen haben) bis sich eine Gruppe von Chinesen gebildet hat, die alle ziemlich genau zu wissen scheinen, wo sie hinwollen – nämlich erst mal auf die andere Seite.

In deren Rückenwind schwimme ich dann einfach mit, wobei ich darauf achte, dass immer mindestens sieben Aktenkoffer, ein Fahrrad, ein Müll-Karren und ein telefonierender Schlenderer zwischen mir und dem anrückenden Verkehr positioniert sind.

Das grüne Licht der Ampel hat für die meisten Verkehrsteilnehmer hier auch keine tiefere Bedeutung mehr, ganz im Gegenteil. Wenn man sich erdreistet, es zu ernst mit diesem Lichtlein zu nehmen, bringt einem das im besten Fall ein unwirsches Hupkonzert ein. Und sicher keine neuen Freunde.

Richtungspfeile werden auch recht frei interpretiert, und so rollt der Verkehr beim Überqueren des Fußgängerstreifens (wozu der eigentlich da sein soll, weiß kein Mensch) um einen herum dann auch fröhlich in alle vier Himmelsrichtungen.

Richtig so. Denn Straßenschilder sind ja schließlich nur Verhaltens-Vorschläge, keine Anweisungen.

Und wer im 21. Jahrhundert überleben will muss lernen sich nicht auf Anweisungen zu verlassen, sondern selbst innovativ zu werden. Und eben auch mal mitten auf der Kreuzung die Richtung zu ändern.

Im Vergleich zur Anarchie der Straße geht es in der U-Bahn dann recht gesittet und geordnet zu.

Hier halten sich die Leute strikt an die auf den Boden gepinselten Pfeile, die einem beim Transfer von U-Bahn-Station 1 zu U-Bahn-Station 2 helfen sollen. Sie reihen sich sogar unaufgefordert in vorgezeichnete Warteschlangen ein, und das, bevor die Bahn, auf die sie warten, überhaupt eingetroffen ist.

Allein die schieren Menschenmassen (und die Länge der beim Umsteigen zurückzulegenden Fußwege) erinnern einen daran, dass man sich auch hier in der U-Bahn in einer anderen Dimension befindet.

Im Vergleich zur Kreuzung ist das Navigieren in der U-Bahn dennoch einfach. Zumindest solange man im Pulk mitmarschiert und nicht ins Zweifeln gerät, ob das auch die richtige Richtung ist.

Denn Stehenbleiben gilt beim Umsteigen in Beijing nicht.

So was tun nur Westler oder andere Idioten mit einem Stadtplan in der Hand.

Hält man sich an diese Spielregel, kann in der U-Bahn eigentlich nichts schiefgehen. Die Leute sind erstaunlich entspannt, egal, wie eng es auch werden mag.

Nur ein einziges Mal habe ich bislang beobachtet, dass die Stimmung gekippt ist.

Dabei waren ein recht spät noch aussteigen wollender Gast, ein Fuß ohne Augen und ein I-Pad beteiligt – und eine sehr resolute Dame in kniehohen Stiletto-Stiefeln, die noch wütend ihre Faust (und ihr I-Pad) schwang, als der Delinquent, der so unvorsichtig zugetreten hatte, schon lange irgendwo in den Vorstädten verschwunden war.

Aber der ganze Vorfall dauerte nur fünf Minuten, danach daddelten wieder alle 120 Anwesenden im Waggon in aller Seelenruhe auf ihren Smartphones herum.

Ich glaube, dafür sind die Dinger überhaupt erfunden wurden.

Für die U-Bahn in Beijing.

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EPISODE 6: DER UNMUT DER DINGE (Tuanjiehu, Beijing).

In Peking verbringe ich mit kaum jemand so viel Zeit wie mit elektronischen Geräten. Und niemand geht mir so auf die Nerven wie diese.

Denn was ich auch mache: Sie alle sprechen nicht dieselbe Sprache wie ich.

Bislang gestritten habe ich mit:

– Der Fernbedienung der Elektroheizung.

– Der Waschmaschine.

– Den sich selbst heizenden Badlampen.

(Alles Chinesisch-Muttersprachler.)

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Gefolgt von:

– Meinem Computer.

– Meinem verdammten alten Schrott-I-phone.

– Meinem neuen 1-Euro-Samsung.

(Alles Deutsch-Muttersprachler, aber mit Hang zu Überheblichkeit, zu kryptischen Aussagen und beleidigtem Schweigen.)

Gefolgt von:

Den Bankautomaten folgender Unternehmen: Bank of China, China Construction Bank, Agricultural Bank of China und allen anderen.

(Sprechen Englisch, das aber in Schriftzeichen.)

Sowie sämtlichen Ampeln dieser Stadt.

(Wozu braucht man eigentlich überhaupt Ampeln, wenn der Verkehr ohnehin von Polizisten oder den Fußgängern selbst geregelt wird? Sind doch nur drei oder vier Fahrspuren.)

Aber das ganze Hadern hat natürlich auch sein Gutes: denn man lernt eine ganze Menge dazu.

Man lernt zum Beispiel, dass man selbst kein besonders geduldiger Mensch ist, man lernt, dass es in digitalen Notsituationen (der Computer springt nicht mehr an???) durchaus von Vorteil sein kann, dass auf der Welt alle Apple-Stores gleich aussehen und auch gleich funktionieren (obwohl beileibe nicht alle eine so lange Schlange am Eingang aufweisen können, geschweigedenn eine, die auch noch durch den ganzen Adidas-Store nebenan reicht), man lernt, sich von Teenagern mit Manga-Frisuren in Englisch, Chinesisch und Zeichensprache über den Zustand der Batterie seines Computers aufklären zu lassen (Emily, 18, Top-Mitarbeiterin bei Apple Sanlitun: „Oh my God, such an old macbook air, the first computer I EVER had in my life…“), man lernt, dass Wäsche auch kalt erstaunlich sauber wird, man lernt, nicht über die Konsequenzen nachzudenken, wenn man irgendeinen Hebel auf- oder zudreht oder das Duschwasser über die Heizlampen spritzt – denn zu diesem Zweck befinden sie sich ja wohl mitten in der Dusche.

Und man lernt auch, dass es in dieser Stadt relativ schwer ist, ein Foto zu machen, auf dem nicht mindestens ein anderer Mensch drauf ist, der ebenfalls gerade ein Foto macht.

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Zumindest in diesem letzteren Punkt habe ich das Hadern längst aufgegeben.

EPISODE 5: Besuch in der Heimat („Jenny Lou’s“, Chaoyang, Beijing).

Es gibt ja bei fast jeder Reise einen Punkt, an dem man sich nach Hause wünscht – ich bin heute eher zufällig dort hingelangt. Also, nicht unbedingt an den Punkt des Sich-nach-Hause-Wünschens, aber in die Heimat.

Und zwar auf dem Weg zum Park.

Der dann im Endeffekt gar kein Park, sondern eine Art Fantasia-Land war, in dem geheiratet, geschwommen und sich amüsiert werden kann (Letzteres allerdings streng nach Themenbereichen gegliedert).

Wem Amüsement jeglicher Art zu fade ist, der kann seine Zeit im Park dazu nutzen, der Frage nach dem Ursprung des Lebens nachzugehen.

Denn auch dafür gibt es einen Themenpfad.

Auf den habe ich mich dann auch begeben, und zwar mit einer Packung „La vache qui rit“ in der Hand. Denn ich kam gerade aus dem „Jenny Lou’s“ Supermarkt.

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Das bedarf vielleicht einiger Erklärung.

Denn zum einen bin ich kein militanter Anhänger von Schmelzkäse und zum anderen mag ich die chinesische Küche sehr und hatte mir eigentlich geschworen, die Supermärkte mit dem internationalen Sortiment zu meiden.

Heute Mittag im Vorbeigehen bin ich ihrem Charme dann doch erlegen.

Und muss zugeben: Ich hätte es nie geglaubt, aber so ein deutsch beschriftetes Leinsamenbrot kann durchaus was Erbauliches haben. Wie ein Kurzaufenthalt im Spa. Man versteht sofort, was der Hersteller des Produkts einen gerne glauben machen möchte.

Außer auf Leinsamenbrote bin ich bei „Jenny Lou’s“ noch auf eine sehr hohe Dichte an Baguettes, diversen Käse-Sorten, Rotweinen und, nun ja – Franzosen und Französinnen getroffen.

Zuzuhören wie die Ex-Pat-Damen in noch schlechterem Chinesisch als meinem (was eigentlich kaum noch möglich ist) oder gleich ganz auf Englisch ihren Aufschnitt ordern und sich danach auf Französisch mit anderen französischen Ex-Pat-Frauen über ihre Ehemänner, Kinder, Wohnungen, Yoga-Lehrer (und sicherlich auch politische und philosophische Themen) austauschen, während sie die Einkäufe zu ihren mitten auf den chinesischen Gehsteigen parkenden SUV’s tragen, war auf seine Art ebenfalls erbaulich.

Falls mich eines Tages das Heimweh übermannt, werde ich sicher zu „Jenny Lou’s“ zurückkehren.

(Und wenn es ganz schlimm wird, kann man hier vielleicht sogar den Versuch starten, zu Erbauungszwecken mit einem einkaufenden Franzosen zu flirten – man müsste dann halt nur aufpassen, dass hinter dem Marmeladen-Regal nicht die Ehefrau auftaucht und einem ein Baguette überzieht.)

Für heute begnüge ich mich jedenfalls erst mal mit „La vache qui rit“ – und dem Pfad zum Ursprung des Lebens.

(Zwischenstand meiner Exkursion bei Einbruch der Dämmerung: Ich glaube, mir soll vermittelt werden, der Urspung des Lebens liegt hier im Chaoyang Park, ganz in der Nähe des ehemaligen olympischen Beachvolleyball-Feldes. Welches möglicherweise schon vor dem Leben da war. Ganz wie das Ei vor der Henne. Oder umgekehrt.)

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EPISODE 4: DIE VERSTÄNDIGUNG (Beijing Subway).

Eines habe ich in den letzten Tagen schon gelernt:

Die Verständigung funktioniert am besten, wenn man einen Assistenten akquiriert.

Dieser Assistant ist im besten Fall im spätpubertären Alter, männlich, von Natur aus eigentlich ein bisschen schüchtern und hat rudimentäre Englischkenntnisse.

Gute Englischkenntnisse sind nicht wünschenswert, denn dann möchte der akquirierte Helfer seine Kenntnisse auch anbringen, was manchmal zu längeren Diskussionen führt („What? You are German and you don’t drive a car??“) – und man selbst lernt wieder nichts dazu.

Der Assistent tritt dann auf den Plan, wenn die Zeit drängt, wenn das Gegenüber (meist ein Gegenüber hinter einem Schalter) nicht entscheiden kann, ob die Sprache, in der man auf es einredet, nun Chinesisch sein soll oder nicht, wenn man schlicht zu müde zum Reden und Töne ausprobieren ist oder wenn man sich einfach mal ganz kurz (und sei es auch nur für fünf Minuten) durchsetzen möchte. (Nein, ich möchte nicht DIESE Fahrkarte, sondern DIESE.)

Der Assistent steht für gewöhnlich auf dem Gehsteig oder in der U-Bahn-Station herum, ahnt nichts Böses und spielt auf seinem Smartphone. Er weiß im ersten Moment gar nicht, wie ihm geschieht, schafft es aber auch nicht, nein zu sagen, und setzt sich nach einer kurzen Irritationsphase dann wirklich herzergreifend für die Belange seiner Auftraggeberin ein. (Nein, die Dame möchte nicht DIESE Fahrkarte, sondern DIESE.)

Deshalb sei an dieser Stelle schon mal allen jungen Männern gedankt, die ich auf den Strassen Pekings in den letzten Tagen so in Beschlag genommen habe. Es werden sicherlich noch einige dazukommen.

P.S.: An sich spricht natürlich auch nichts dagegen, morgen zur Abwechslung mal eine weibliche Helferin einzustellen. Hier wären schon mal drei, die offenbar gerade nicht viel zu tun haben. Mal sehen.

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