Archiv für den Monat Oktober 2012

hello, home

zwei nächte im eigenen bett – und schon kommt einem die letzte reise unwirklich und ein bisschen surreal vor.

dabei ist man doch noch wenige tage zuvor ganz selbstverständlich im „iki-express“ auf der vokiečių gatvė in vilnius einkaufen gegangen und hat die langen, kurzen und mittelkurzen sätze, die die kassiererin tagtäglich äusserte, trotz mangelnder litauisch-kenntnisse so wunderbar mit sinn füllen können (und manchmal sogar mit dem richtigen sinn).

inzwischen bin ich wieder zu hause in hamburg angekommen, wo mich erstmal – auch das gehört ja zu einer reise unweigerlich dazu – ein haufen unschöner post erwartete.
aber man soll nicht klagen, vor zwanzig jahren wäre das alles noch viel, viel schlimmer ausgefallen. denn vor zwanzig jahren hätte mich wohl doppelt so viel unschöne post erwartet – zuzüglich der hälfte nämlich, die ich (wie sich das für den modernen reisenden 2012 gehört) natürlich schon längst unterwegs auf meinem smartphone gelesen habe.

die rückreise verlief im großen und ganzen recht unspektakulär, ein weiterer tag im no-man’s-land der internationalen transitbereiche, diesmal in: schwechat, wien, österreich.

ich bin an dem betreffenden tag recht müde, noch bisschen krank, deshalb unleidlich mit mir und der welt um mich herum (d.h. besonders mit dem transitbereich schwechat), was vor allem der österreichische flughafenfachangestellte zu spüren bekommt, der die ganze zeit in der grauen wartehalle (die in ihren besseren momenten, also wenn z.b. die sonne scheinen würde, was sie aber natürlich nicht tut, am ehesten noch an einen baumarkt erinnert, wenn auch an einen recht leeren baumarkt, an einen baumarkt ohne jede art von inventar sozusagen) auf seinem e-moped vor mir auf- und abfährt und so verhindert, dass ich mich in irgendwelche romanwelten vertiefen kann (flucht aus dem diesseits).

für internet-nutzer ist der transitbereich schwechat perfekt ausgestattet, jeder fluggast, der sich statt in romanwelten lieber in online-welten stürzen möchte, findet ein entsprechendes, ergometrisch recht ausgeklügeltes sitzmöbel vor, auf dem / in dem er dieser tätigkeit nachgehen kann.
die frage, was diejenigen reisenden hier stundenlang machen sollen, die sich nicht in online-welten stürzen möchten, muss allerdings unbeantwortet bleiben.

auch das kulinarische angebot (ich bin noch immer unleidlich) ist dürftig (weisswürste, halb tiefgefrorene antipasti-teller, schweinshaxen, recht platte paninis – wobei das panino nun nicht mehr zwei euro kostet wie in litauen, sondern auf einmal derer zehn), eine anständige sportsbar wie in brüssel gibt es auch nicht (mag der österreicher etwa keinen sport mit bier?), und auf eine untersuchung der presseabteilung (siehe: „transit“) möchte ich mich an diesem düsteren, regnerischen tag lieber gar nicht erst einlassen.

dann stellt sich natürlich heraus, wie kann es auch anders sein, der flieger ist komplett überbucht, mir werden stattliche 250 euro angeboten, wenn ich in diesem angenehmen ambiente noch ein paar stunden länger verweilen möchte – was ich dankend ablehne.

zu nachtschlafender zeit zu hause angekommen, finde ich dann, wie gesagt, einen haufen unschöne post vor – unter anderem vom finanzamt hamburg-altona (ganz besonders große bewunderer meiner kunst) – und ärgere mich, dass ich das angebot der fluglinie nicht doch angenommen beziehungsweise nicht gleich auf eine notfall-umbuchung nach honduras bestanden habe.

die heimat und die rechnungen haben mich also wieder – und litauen ist (leider) schon ganz, ganz weit weg.
aber einige nachträge zu dieser reise werde ich in der nächsten zeit noch liefern.
und – das kann ich jetzt schon mit bestimmheit sagen – ich werde ganz sicher wiederkommen.
IKI PASIMATYMO, LITAUEN!!!

book link

ich finde, man sollte von jeder reise ein buch mitbringen.

aus litauen bringe ich dieses buch mit:

eigentlich habe ich es gekauft (nach vielen, vielen empfehlungen), weil ich dachte, es hilft mir, vilnius zu verstehen.
und das hat es auch.

aber wenn man es darauf beschränken würde, wird man dem autor nicht gerecht.

eigentlich ist es ein buch über die „idee europa“, über die fragwürdigkeit des nationalstaats (zumindest in meinen augen), über die verwehungen, verwüstungen und gewalttaten der zeit und der geschichte – und vor allem über das, was diese geschichte letztlich ausmacht: menschen und ihre erinnerungen.

der autor zieht wenig schlüsse, er bietet kein handlungskonzept für die zukunft oder eine fertige lesart, er lässt vielmehr zeitzeugen sprechen, aus allen jahrhunderten und „nationen“.

aber damit hat er mir europa erklärt – oder zumindest eine der vielen existierenden ideen von europa – und das auf verhältnismässig wenig seiten.

meine gesamte schul- und hochschulausbildung ist an diesem projekt dagegen umfassend gescheitert.

also: hut ab, und – LESEN!

beaches (part 1)

zwei mal über dreihundert kilometer inklusive einer fast fünfstündigen busfahrt liegen hinter mir. ich bin ein mal quer durch litauen gefahren – und zurück.

busreisen haben ja (besonders mit viel gepäck) oft etwas wenig anheimelndes an sich – bieten dafür normalerweise aber mannigfaltige einblicke in das „wirkliche“ leben jenseits der ausgetretenen touristenpfade und damit reichlich stoff für anekdoten.

dazu, muss ich sagen, ist der busverkehr in litauen aber leider fast ein bisschen zu gut organisiert.

der busterminal in vilnius hat die ausmasse eines größeren deutschen regionalbahnhofs, es gibt unzählige abfahrtsrampen, überall ist hilfsbereites, kompetentes personal zu finden, und die ausschilderung ist so zweckmässig, dass selbst ich es nicht schaffe, mich hier zu verlaufen.
der bus verlässt den terminal pünktlich, jeder fahrgast hat exakt den sitzplatz eingenommen, der auf seiner fahrkarte vermerkt ist, ein schnaps trinkender kegelverein, lebende tiere (ziegen, hühner oder krokodile) sind nicht anwesend, es gibt nicht mal ein schreiendes kleinkind – und selbst das telefonierverbot wird weitgehend befolgt.
wenige minuten später erreicht der bus die (bis zu ihrem ende an der ostseeküste) schnurgerade autobahn, er rollt die auffahrt hinauf, und von da an herrscht im bus: schweigen.
die passagiere starren aus dem fenster, in existentielle, philosophische gedanken vertieft – oder spielen ein bisschen an ihrem ipod herum (der aber natürlich auf lautlos gestellt ist, um die anderen passagiere beim existentiellen, philosophischen denken nicht zu stören).
und sogar der videobildschirm in der mitte der frontscheibe bleibt aus.
und DAS enttäuscht mich schon ein bisschen, muss ich sagen, denn seit meiner letzten china-reise bin ich felsenfest davon überzeugt, dass das ding da vorne einfach zu laufen hat – und zwar permanent und ohne jede unterbrechung und (ganz wichtig!) ohne je etwas anderes zu zeigen als „pirates of the caribbean“ (teil 1), und das nach jedem kurzstopp wieder von vorne, egal, wie weit man in der handlung vorher schon gekommen war. das habe ich liebgewonnen, busreisen ohne seeungeheuer sind für mich eigentlich nicht mehr vorstellbar.

die fahrt durch die meist flache, manchmal leicht hügelige, herbstliche litauische landschaft verläuft erwartungsgemäß ohne jeden zwischenfall, nur ein einziges mal halten wir irgendwo im nirgendwo, um ein paar der schweigsamen reisenden zu entladen. wo diese stille und heimliche transaktion stattfand, vermag ich nicht zu sagen. ein ortsschild war an der ausfahrt nicht zu entdecken und ein ort hinter der haltestelle auch nicht.

vier stunden und vierzig minuten später erreichen wir dann palanga, und das selbstredend mehr oder weniger auf die minute genau – und ich bin nicht mal um eine einzige internationale bus-anekdote reicher.

liebes litauisches verkehrsministerium – an dieser erschreckenden effizienz muss dringend was geändert werden!

in palanga angekommen, mache ich – nach dem genuss eines offenbar ortstypischen herings „odessa“ (aber nicht wegen ihm) – etwas, das zu einer richtigen (bus-)reise auch unbedingt dazugehört: ich werde erstmal richtig krank. und muss zwei tage lang das hotelbett hüten.
kranksein auf reisen ist deshalb pflichtprogramm, weil man sonst ja gar keine gelegenheit hätte, die regionalen apotheken-gepflogenheiten, hustensäfte und taschentuch-sorten unter die lupe zu nehmen.

und zum glück gibt es – wie scheinbar fast überall in litauen – unten im haus ein gutes belgisches restaurant, das mich mit kaffee und waterzooi versorgt.

für den strand von palanga und die stadt selbst bleibt so leider allerdings nur wenig zeit.

nach zwei tagen habe ich das pittoreske kranksein in der schönen „vila diemedis“ dann aber (trotz belgischer küche) mehr als satt. unter anderem, weil mich in diesem schriftsteller-hotel die ganze zeit von der wand meines zimmers mit gestrengem, mahnendem blick zwei litauische dichter in schwarz-weiß anstarren. die beiden bleiben trotz der vielen, gemeinsam verbrachten stunden für mich leider namenlos – und wirken dabei so ernsthaft bei der arbeit, dass mir mit meinem hang zur permanenten schreibblockade trotz schwerer erkältung ganz anders wird.

am dritten tag verlasse ich die beiden also und gehe mit dem sich ebenfalls in palanga befindenden hessischen literaturrat auf exkursion.
auf die kurische nehrung.
ein muss, hat man mir gesagt: und in diesem fall, räume ich ein, behält die schwarmintelligenz ausnahmsweise mal mehr als recht.
auch wenn das außenthermometer des leihwagens permenent minus vierzig grad anzeigt – ein zauberhafter ort, wie aus der zeit gefallen. dazu: demnächst mehr.

und unten: thomas manns italienischer blick von seinem sommerhaus in nida auf das haff, mein weitaus weniger mediterraner blick auf den strand von palanga – und ein recht ernüchternder auf die welt des amüsements dahinter.
auch strände haben also eine rückseite (siehe „skyline“)