Archiv für den Monat September 2012

borrowing a cliché II

inzwischen ist ein wenig zeit ins land gegangen – die erste aktualisierung steht an.

also, vilnius in drei schlagworten (nun nicht nach einem, sondern nach vierzehn tagen in der litauischen hauptstadt).

ich tausche:

– bäume
– kirchen
– streetart

gegen

– „coffee inn“
– „charlie pizza“
– ernstzunehmende parkplatzprobleme.

aus der begründung der jury:

ganz vilnius scheint in der hand einer einzigen pappkaffee-kette: „coffee inn“. der einflussbereich dieser kette umfasst scheinbar das gesamte (innen-)stadtgebiet, gegnerische pappkaffee-ketten werden kaum geduldet – und falls sich unerwartet doch noch neue urbane räume auftun (wie z.b. auf dem buchfestival), so werden diese zügig mit mobilen verkaufseinheiten erschlossen.

das angebot eines „coffee inn“ besteht für gewöhnlich aus (wie ich zugeben muss) relativ gutem kaffee, für litauische verhältnisse relativ teurem mineralwasser und sandwiches, für deren verpackung relativ viel plastik verwendet wurde. plus ein paar obligatorischen muffins (mit das schlechteste gebäck, das von menschen jemals erfunden wurde), die – wie überall auf der welt – fast ohne verpackung daherkommen dürfen.

„charlie pizza“ ist auf seinem gebiet ebenfalls der klare marktführer – stösst allerdings auf zwei umtriebige konkurrenten: „pizza jazz“ und „cancan pizza“.
ich habe bisher noch keines der drei pizza-imperien aufgesucht – und das soll bitte, bitte bis zu meiner abreise auch so bleiben.

auch das parkplatzproblem hat etwas flächendeckendes an sich. verursacht wird es hauptsächlich dadurch, dass sich die architektur der stadt (besonders die der engen gassen der altstadt) und das bedürfnis der reicheren ihrer bewohner nach einem fahrbaren untersatz irgendwie im weg stehen. dies führt immer wieder zu gewagten parkmanövern und beeindruckenden problemlösungen, die der verkehrssituation in neapel absolut würdig wären.

soweit die jury-begründung, und zum abschluss: etwas musik.
denn die gibt es zum glück ja auch noch in dieser stadt. und ähnlich flächendeckend.

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skyline

vilnius hat zwei gesichter.

das hier.

und das hier.

das ist nicht sonderlich erstaunlich, die meisten städte haben zwei gesichter (und im grunde sogar weit mehr als zwei).

vilnius verfügt (derzeit) aber über eine bemerkenswerte städtebauliche besonderheit.

von der einen flussseite aus – der mit der altstadt und den hauptgeschäftsstraßen – ist die städtebauliche vision leicht entschlüsselbar.
von der anderen seite ( -> siehe „ghosts and spare time“) gelingt das dem ortsunkundigen, nicht in die städtebaulichen pläne eingeweihten betrachter nicht ganz so leicht. es gelingt ihm nicht mal unbedingt, die skyline überhaupt als skyline zu erkennen. dazu ist sie (noch) zu zweidimensional.

alle städte haben ihre hinterhöfe, denke ich, viele zerfasern an den rändern oder verlieren ihre formschlankheit in endlosen gewerbegebieten, hochhaussiedlungen oder (besonders in deutschland!) in playmobilartigen reihenhaus-biotopen, retorten-communities für mehr oder weniger glückliche menschen (die das mehr oder weniger daran aber natürlich niemals zugeben würden).

über manches davon mag vilnius auch verfügen.
derzeit hat vilnius aber noch etwas anderes, viel individuelleres: vilnius hat im moment eine rückseite.
man kann vilnius im augenblick von hinten betrachten, und das sogar von einer leichten anhöhe aus.
welche stadt sonst kann das schon von sich behaupten?

ghosts and spare time

besuch ist da, die arbeit ruht – und wir widmen uns einer tätigkeit, die bisher bei meinem litauen-aufenthalt etwas zu kurz gekommen ist:
dem klassischen sight-seeing.

erster tag: altstadt, užupis, französische tarte in der französischen bäckerei („thierry“) zum mittagessen, belgisches essen („rene“) und belgisches bier zum abendessen, danach dann ein wenig techno-musik gratis, beigesteuert von dem nachtclub unter meiner wohnung, der offiziell eigentlich eine pizzeria ist („charlie“).

am zweiten tag werden wir dann experimentierfreudiger.
wir wagen uns sogar in einige kirchen – aber das geht (erwartungsgemäß) nicht gut aus, nachdem ich mich bei der morgendlichen stabsratsitzung in der italienischen bäckerei (ohne männervorname) lautstark über den eintrag “ ‚museum of atheism‘ see churches “ in meinem vilnius-reiseführer amüsiert habe.

daraufhin schlägt das klerikale mit aller gewalt zurück. und zwar in form einer geistererscheinung – wie sich das im umgang mit einer atheistin wie mir ja wohl auch gehört.

während der besuch den vorderen teil des kirchenschiffs inspiziert (oder was auch immer er da vorne tut), halte ich mich im hintergrund (also im eingangsbereich) auf, versuche im stehen ein bisschen verlorenen nachtschlaf nachzuholen (siehe: „charlie“) – doch da fällt der blick meiner halbgeschlossenen augen plötzlich auf eine tussaud’sche mönchs-wachsfigur in originalgröße, die mit ähnlich halb geschlossenen augen in dem beichtstuhl ein paar zentimeter neben mir sitzt.
der wachsmönch sieht ein bisschen so aus, wie ich persönlich mir immer hercule poirot vorgestellt habe – bis ich von sir peter ustinov eines besseren belehrt wurde.
etwas groteskes oder gar lächerliches hat der wachsmönch nicht an sich – im gegenteil, er verströmt eine merkwürdige aura von moral und erhobenem zeigefinger.
mir wird (obwohl atheistin) ein wenig mulmig, ich fühle mich bei irgendwas ertappt (auch wenn ich keine ahnung habe, bei was eigentlich) und bin mehr als froh, als der besuch fertig ist mit der kontemplativen betrachtung der kirchenarchitektur und wir diesen ort verlassen können.

einen letzten blick werfe ich dann aber doch noch zurück – das soll man doch nie tun, ulrike! hast du denn gar keine bücher gelesen? – und da öffnet die figur plötzlich und wie bestellt ihre augen.
beziehungsweise nur das linke.
und in diesem linken auge steht geschrieben: dieser mönch, der nicht aus wachs, sondern aus fleisch und blut und diesseits besteht (oder vielleicht auch aus einer gänzlich anderen materie), weiß alles über mich.
er weiß, dass ich – obwohl atheistin – die zehn gebote im großen und ganzen schon befolge, er weiß, dass ich, aus gründen, die ich nicht mal erklären kann, noch immer kirchensteuern zahle, und aber ansonsten – es stand da ganz deutlich, in dem auge! – leider in der lage bin, eine ganze menge unsinn anzurichten.
den rest des tages schwebt das linke auge drohend über mir und lässt mich nicht mehr los.

zur erholung sehen der besuch und ich uns ein paar brücken an (grün, weiß, metall, keine weiteren geistererscheinungen) – dann wagen wir uns auf die andere flussseite vor.
denn der besuch hat sich in den kopf gesetzt, den jüdischen friedhof zu besichtigen. und auf der karte des (von meinem vater vor beinahe auf den tag genau zehn jahren auf der frankfurter buchmesse gekauften) reiseführers (“ ‚museum of atheism‘ see churches „) sieht das auch ganz nah und einfach aus.

vier stunden später lässt sich zuammenfassend sagen:
wir haben einen sehr schönen spaziergang gemacht, entlang der autobahn und mitten durchs gewerbegebiet, wir haben schulhöfe besichtigt, lagerhallen umrundet, tiefe wälder durchwandert, sind mit einheimischen und einheimischen weinhändlerinnen ins gespräch gekommen, haben verschiedenartigste litauische architektur bewundert, unter anderem einen schrebergarten, haben an einer autobahnraststätte eine aktuellere karte von vilnius erworben – und den friedhof im endeffekt natürlich nicht gefunden.

ein spaziergang mit qualitätssiegel – falls interesse an nachahmung besteht, ich versende gerne eine handgezeichnete wegbeschreibung.

zum abendessen verzehren wir allerlei lebewesen, die mal in einem meer gelebt haben (aha, die bloggerin ist nicht nur atheistin, sondern auch noch nicht-vegetarierin, das wird ja immer schlimmer!) – das bietet sich an in einer stadt, die nur an die 300 kilometer vom meer entfernt ist. dazu trinken wir französischen wein bzw. holländisches bier – und als ich zu später stunde im bett liege und auf das erscheinen des wachs-mönchs warte (oder wenigstens das allabendliche einsetzen der techno-musik), beschließe ich, jetzt ist schluss, so geht das nicht weiter, man kann sich doch nicht so rigoros der landesküche verweigern, morgen gibt es einen litauischen kloss mit fleischfüllung zum frühstück, versprochen.

den gibt der supermarkt („iki express“) dann allerdings leider nicht her – stattdessen bin ich jetzt aber im besitz einer beeindruckend großen flasche „schweppes russchian“ (siehe „food II“). und ich denke, das ist auch schon genug experiment für einen tag.

book fair

was bleibt von einem buch, wenn man seinen inhalt nicht lesen kann?

ich bin beim vilniaus knygų festivalis 2012 – dem diesjährigen buchfestival in vilnius – und stelle fest: erstaunlich viel.

gut, nun bin ich jemand, der sich ohnehin gern in buchhandlungen oder bibliotheken aufhält (besonders dann, wenn ich eigentlich selbst schreiben muss) – ich mag den geruch, das überangebot an informationen und geschichten, in einer buchhandlung oder bibliothek langweile ich mich nie – wenn ich mich dann für eines der bücher im sortiment entschieden habe, manchmal schon.

hier in litauen muss ich mich nicht entscheiden, die inhalte der bücher sind sprachlich für mich nicht entschlüsselbar, der deckel bleibt zu, auch wenn ich das buch öffne.

dennoch ist die buchmesse ein angenehmer aufenthaltsort, stelle ich fest, die atmosphäre ist familiär – und vieles kommt mir, auch wenn ich es nicht entschlüsseln kann, doch zumindest angenehm bekannt vor.

vom kinderbuch über die fantasy-schlacht bis hin zum (vermutlich auch auf deutsch) für mich nicht entschlüsselbaren, tausendseitigen fachbuch ist alles zu finden, wo dostojewski draufsteht, ist vermutlich auch dostojewski drin, und wo mankell draufsteht, wahrscheinlich noch sehr sehr viel mehr mankell, und in der lebhaften debatte über e-books bringt ein aufgebrachter älterer herr die jüngeren diskussionsteilnehmer zum kopfschütteln.
ein kleinerer verlag hat werke von noam chomsky, kurt vonnegut und slavoj zizek im angebot („my big worry is not to be ignored but to be accepted“). das kommt mir in der kombination nun wiederum so bekannt vor, dass ich kurz versucht bin, den jungen mann am stand in ein gespräch über die frage zu verwickeln, ob diese sorge zizeks nicht vielleicht schon längst wirklichkeit geworden ist – aber der junge mann scheint so angeregt in eine litauische diskussion vertieft, dass ich nicht stören will und mich stattdessen zurück nach hause in meine eigenen (unfertigen) bücherwelten begebe.

dort angekommen erwartet mich schon wieder ein hund.
er verteidigt einen stock über mir mit aller kraft und lautstärke sein revier (und seine schlecht sitzende fönfrisur) – und fällt vor schreck fast vom balkon, als ich mich plötzlich aus dem küchenfenster lehne.
ja, da siehst du mal, ich wohne jetzt auch hier – und ich werde auch noch bis in den oktober rein bleiben, mein lieber.

babel

es gibt ein phänomen, das ich an aufenthalten in ländern, deren sprache ich nicht spreche, überaus schätze: das verbale hintergrundrauschen.
in einer umgebung, die ich nur visuell entschlüsseln kann, fällt es mir deutlich leichter, mich auf meine arbeit zu konzentrieren. der kommunikationsdrang lässt nach, und auch die berufsbedingte krankheit, die antennen einfach immer irgendwie auf empfang gestellt zu haben, lässt sich besser unterdrücken.

umso größer dann der schock, wenn einen inmitten dieses wunderbaren, verbalen hintergrundrauschens (z.b. während des überdenkens einer szene, der pläne fürs abendessen oder der innerlichen, ganz internen debatte über den zustand des privatlebens) plötzlich wie ein schlag in die magengrube eine verständliche sprechblase trifft.
im vorbeigehen aufgeschnappte gesprächsfetzen sind immer sprechblasen und damit eine gute grundlage für karikaturen jedweder art – wenn sie einen unvermittelt im verbal nicht-dechiffrierbaren ausland ereilen, allerdings umso mehr.

– „hans-georg, jetzt warte doch bitte mal. ich sage dir jetzt seit fünfzehn jahren, dass du bitte mal warten sollst“

– „also, entschuldige, aber das kann mir doch nun wirklich keiner erzählen, dass es eine kaffebohne gibt, die von sich aus nach karamell schmeckt, ich bin doch nicht blöd“
(oh doch, junge dame, so etwas gibt es, wo leben sie denn bitte?)

– „du, ehrlich, frank, wenn der cashflow stimmen würde, bei mir jetzt, das industrieding da würd ich kaufen. wohnungen reinhauen. gute kapitalanlage, wa?“

– „isch sage dir, gertrud (und ich sage dir das in beeindruckend hessischem dialekt), peking, das war gar nicht so schlimm, wie du jetzt denken tust, nur der leichnam von dem – na – na – mao tsedings – also, ich weiss nicht – müssen die sowas machen – da gehen doch auch kleine kinder rein“
– „aber sie hatten seife in dem hotel“
– „musst du schon wieder bier trinken, hans-georg, trink doch mal was anderes, seit fünfzehn jahren trinkst du – “
(okay, ich glaube, die truppe hatte ich heute schon mal)

mir bleibt nichts anderes übrig, ich flüchte aus der kakophonie der strasse in die stille der wohnung – aber zu hause angekommen erwartet mich besuch.
besuch von meiner vermieterin.

ich behaupte jetzt mal, dass es sich um meine vermieterin gehandelt hat, denn wir hatten leider keinerlei möglichkeit (ausser mit händen und füssen), uns zu verständigen – geschweigedenn, unsere jeweiligen identitäten zu überprüfen.

das verbale hintergrundrauschen wird also von einer sekunde zur anderen plötzlich zum vordergrundgeräusch und ein sympathischer, nicht enden wollender, litauischer wortschwall bricht über mich herein, gefolgt von dem zwergpinscher meiner vermieterin, der die wohnung unsicher macht.
wenn ich seinen namen richtig verstanden habe, heisst er bublé, und spricht, seinen konkreten handlungen zufolge, auch recht wenig litauisch.

nach einer weile stellt sich heraus, bublé und seine besitzerin sind gekommen, um mir nettwerweise eine zweite bettdecke vorbeizubringen und ein paar bügel. es gab vorher keine – nun habe ich fünfundsiebzig.

bei der verabschiedung frage ich mich verdutzt, warum ich eigentlich gerade fünfzehn minuten mit den beiden englisch gesprochen habe – obwohl recht klar war, dass uns auch das nicht weiterbringen würde.
vielleicht auch das eine berufskrankheit.

fazit des tages:
es hilft alles nichts, ein litauisches wörterbuch muss her.
denn was „vilniaus energija“ von mir will, laut zettel an meiner tür, bleibt derzeit auch noch ein babylonisches rätsel.

ein glück, dass ich wenigstens weiß, wo die wirklich landestypischen souvenirs zu finden sind.